Endlich einmal hat die SPD Grund zur Freude. "Das ist ein großartiger Wahlsieg", ruft Parteichef Martin Schulz am Sonntagabend auf der Bühne im Willy-Brandt-Haus. Er hat seit langer Zeit mal wieder sein fröhlichstes Grinsen ausgepackt und spricht von einem "beeindruckenden Erfolg unter schwierigen Bedingungen".

Das Problem ist nur: Der Triumph in harten Zeiten ist nicht ihm gelungen, den seine Partei vor zehn Monaten doch genau wegen solcher Erwartungen zum Kanzlerkandidaten ausgerufen hatten. Der einzige Wahlsieger der SPD in diesem Jahr heißt Stephan Weil, der zurückhaltende, oft ein wenig schüchtern wirkende Ministerpräsident in Niedersachsen. Er bleibt Regierungschef im für die SPD so wichtigen Machtzentrum Hannover, wo einst Parteigranden wie Gerhard Schröder oder Sigmar Gabriel regierten.

Weils Sieg und das beste SPD-Ergebnis in Niedersachsen seit 1998 haben Auswirkungen bis nach Berlin. Beides verschafft Parteichef Schulz die nötige Zeit, um an seinem Plan der langsamen Aufarbeitung der Bundestagswahl festzuhalten. Erst einmal wird es keine öffentlichen Rufe nach einer abrupten Auswechslung des Parteivorsitzenden geben. 

Schulz hat noch Fans

Bei all dem Geraune über ein vorzeitiges Ende von Schulz' Berliner Karriere war in den vergangenen Tagen sowieso untergegangen, dass sich gar kein Nachfolger aufgedrängt hatte. Hamburgs Erstem Bürgermeister Olaf Scholz werden zwar Ambitionen nachgesagt, Schulz als Parteichef abzulösen. Doch über einen möglichen SPD-Parteichef Scholz als "kühlen Kopf" und Oberverwalter sprach die SPD schon zu Zeiten, als der sprunghafte Sigmar Gabriel noch Vorsitzender war. Eingetreten ist das Szenario bekanntermaßen nicht.

Und Manuela Schwesig, die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, die viele als weibliche Zukunftshoffnung der SPD sehen, winkt ebenfalls ab. Sie will den Job (noch) nicht. Führende Genossen verweisen auf die neue Geschlossenheit und Motivation der SPD, anders noch als zu Sigmar Gabriels Amtszeit. Viele einfache Parteimitglieder seien nach wie vor große Fans vom "Kämpfer" Schulz und dessen Leidenschaft für die Sache.

Entsprechend dieser Erzählung stürmt am Sonntagabend auch ein älterer Herr auf die Bühne im Willy-Brandt-Haus, umarmt den gescheiterten Kanzlerkandidaten und drückt ihm vor laufenden Kameras ein Beitrittsformular in die Hand. Peter Laws aus Mahlow im Süden Berlins beteuert im Anschluss, dass er bei einer verlorenen Landtagswahl in Niedersachsen ebenfalls Schulz-Fan geblieben und SPD-Mitglied geworden wäre.

Schulz, das macht diese Szene klar, bleibt im Amt, zumindest bis zum Parteitag im Dezember, auf dem er erneut antreten will. Sein Plan ist es, bis dahin die Wahlniederlage im Bund in mehreren Regionalkonferenzen mit SPD-Mitgliedern und Funktionären aufzuarbeiten. Schon am 28. Oktober treffen sich die Genossen erstmals in Hamburg, um zu überlegen, was man aus der gescheiterten Kampagne lernen könne. Dann soll die Partei sich auch programmatisch neu aufstellen – so jedenfalls Schulz' Plan.

Neuer Generalsekretär statt neuer Parteichef

Bis Mitte November soll zumindest klar sein, wer neuer Generalsekretär der SPD wird. Amtsinhaber Hubertus Heil, der Schulz im Wahlkampf treu diente, hat angekündigt, nur bis Dezember weitermachen zu wollen – was vor allem mit Frustration zu tun hat. Viele hatten Heil in seinen Ambitionen unterstützt, erster parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion zu werden, sozusagen die Nummer zwei nach dem Fraktionsvorsitz. Doch als sich in der ersten Woche nach der Bundestagswahl Widerstand regte, setzte sich Schulz aus der Parteizentrale nicht genügend für seinen Helfer ein – am Ende bekam ein anderer den Job in der Fraktion. Das wiederum ließ Heil und auch viele andere in der SPD fassungslos zurück. Manchem war diese Niederlage ein weiteres Beispiel für Schulz’ Führungsschwäche.

Der vakante Posten des Generalsekretärs kommt dem SPD-Chef allerdings auch gelegen. Er kennt die Forderung, die Parteiführung müsse endlich jünger und moderner werden. In der Opposition ist der Job außerdem wichtig und mit viel Aufmerksamkeit versehen. So könnte Schulz eine Persönlichkeit nominieren, die für einen Neuanfang steht – und damit erst einmal die Diskussionen um seine eigene Person vertagen.