Was für ein Wahlabend in Hannover! So viel Jubel und Überschwang war unter Sozialdemokraten seit ewigen Zeiten nicht mehr. Die SPD hat trotz extrem schweren Bedingungen einen kaum einzuholenden Rückstand wettgemacht und ist mit deutlichem Abstand zur CDU erstmals seit den Zeiten von Gerhard Schröder stärkste Kraft im Land geworden. Womöglich, so hofften es Genossen und Grüne, könnte es sogar wieder für Rot-Grün reichen. Eine Sensation.

Die zweite große Überraschung: Die AfD kommt nur ganz knapp in den Landtag. Trotzdem könnte sie am Ende die anderen Parteien entweder zu einer großen Koalition oder zu einem Dreierbündnis zwingen. Das Wahlergebnis würde eher für eine Ampel-Koalition aus SPD, Grünen und FDP sprechen. Letztere sträubt sich allerdings noch. 

Zu verdanken haben die Sozialdemokraten ihren überraschend klaren Wahlsieg vor allem Ministerpräsident Stephan Weil. Unermüdlich hat er in den vergangenen Wochen Wahlkampf gemacht, so energisch, wie man es sonst von ihm gar nicht kennt. Nachdem die Grünen-Abgeordnete Elke Twesten Anfang August zur CDU gewechselt war, startete seine SPD eine fulminante Aufholjagd. Bis zu zwölf Prozentpunkte lag Weils Partei da hinter der CDU, drei Landtagswahlen hatte sie in diesem Jahr zu diesem Zeitpunkt schon verloren. Dann kam die Bundestagswahl, ein weiterer Tiefpunkt für die Sozialdemokraten.

Ruhig, sachlich, unaufgeregt

Doch Weil ließ sich davon nicht beirren, genauso wenig wie seine Landespartei. Der Ministerpräsident, der nun wahrscheinlich sein Amt behält, sprach, als er um kurz nach 18 Uhr zu den feiernden Genossen kam, denn auch selbstbewusst und zu Recht von einem großen Tag für die niedersächsische SPD.

Es ist auch ein großer Tag für ihn selbst. Mit seiner ruhigen, sachlichen, unaufgeregten Art hat er die Mehrheit der Niedersachsen offenkundig in den vergangenen viereinhalb Jahren überzeugt. CDU-Spitzenkandidat Bernd Althusmann hatte dem wenig entgegenzusetzen. In allen Kompetenzwerten lag Weil vor der Wahl vorne.

Dazu kommt, dass Rot-Grün nicht nur die Kitas und Krippen ausgebaut, die von der CDU eingeführten Studiengebühren wieder abgeschafft, die Rückkehr zu G9 beschlossen und zudem den hochverschuldeten Haushalt saniert hat. SPD-Innenminister Boris Pistorius, der zweite starke Mann in der niedersächsischen SPD, hat auch einen harten Kurs bei der Inneren Sicherheit eingeschlagen. Niedersachsen schob 2016 so viele abgelehnte Asylbewerber ab wie kein anderes Bundesland – klare Signale in Richtung CDU- und AfD-Wähler. Beides übrigens zum Verdruss des grünen Koalitionspartners.   

Aber es zahlte sich bei der Wahl offenbar aus – getreu dem Motto von Weils wesensverwandtem Hamburger SPD-Kollegen Olaf Scholz: "Wir sind liberal, aber doch nicht blöd."