Die Türkei möchte den Streit mit Deutschland entschärfen. Es gebe keinen Grund für Probleme zwischen der Bundesrepublik und der Türkei, auch wenn das vergangene Jahr schwierig gewesen sei, sagte Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu dem Spiegel. "Wenn ihr einen Schritt auf uns zugeht, gehen wir zwei auf euch zu."

Er sagte aber auch, Präsident Recep Tayyip Erdoğan habe nie von sich aus die Konfrontation gesucht, sondern stets nur auf Attacken aus Deutschland reagiert. "Die Bundesregierung muss lernen, die Türkei zu respektieren."

Es wäre falsch, die Beziehungen zwischen zwei Ländern über einzelne Personen zu definieren, sagte der AKP-Politiker weiter. Auf die Frage, ob er auch einen Außenminister Cem Özdemir als Staatsgast in Ankara empfangen würde, antwortete Çavuşoğlu: "Wer auch immer als Außenminister in die Türkei kommt, wir lassen ihm den gleichen Respekt zukommen, der uns entgegengebracht wird." Der Grünen-Vorsitzende hatte die türkische Regierung mehrfach scharf kritisiert.

Keine Zugeständnisse im Fall Yücel

Hintergrund des Streits sind die Inhaftierungen von Regierungskritikern, darunter deutsche Staatsangehörige. Deutschland sieht darin Verstöße gegen Rechtsstaatsprinzipien. Im Fall des Welt-Journalisten Deniz Yücel ist die Türkei nicht zu Zugeständnissen bereit. Der Fall sei in Deutschland aufgebauscht worden, sagte Çavuşoğlu. Über Schuld oder Unschuld entscheide die Justiz. Çavuşoğlu sprach sich jedoch für einen baldigen Prozessbeginn aus. "Je früher es zu einem Prozess kommt, desto besser."

Der deutsche Staatsminister im Auswärtigen Amt, Michael Roth (SPD), reagierte zurückhaltend auf die Äußerungen Çavuşoğlus. Zwar hoffe auch er, "dass wir uns alsbald wieder annähern können ­ vor allem im Interesse der Menschen in Deutschland und der Türkei", sagte Roth der Welt am Sonntag. Er drängte aber zugleich auf Fortschritte im Fall Yücels und der anderen Deutschen, die in der Türkei "unschuldig inhaftiert" seien. "Wir müssen hier endlich zu Lösungen kommen", verlangte Roth. Deutschland bleibe dabei aber "gesprächsbereit und dialogorientiert".

EU-Beitritt bleibt das Ziel der Türkei

Am Ziel des EU-Beitritts hält Çavuşoğlu nach eigenen Worten fest. Die Haltung der Türkei sei in dieser Frage seit Jahren unverändert. "Die EU entscheidet über den Fortgang der Verhandlungen. Wir gehen unseren Weg trotzdem weiter." Es gebe keinen Grund, warum die Türkei kein erfolgreiches Mitglied der EU sein könne.

Die Bundesregierung hingegen sucht offenbar einen neuen Hebel, um die EU-Beitrittsverhandlungen auszubremsen. Beim EU-Gipfel Ende Oktober soll die EU-Kommission auf Wunsch Deutschlands und anderer Länder offiziell Bericht erstatten, ob die Türkei die Kriterien für Beitrittskandidaten erfüllt. Entsprechende Spiegel-Informationen bestätigten EU-Diplomaten am Samstag.