Der ewige Spötter Harald Schmidt hat einmal über Niedersachsens Hauptstadt gelästert, Hannover sei zwar nicht der Arsch der Welt, man könne ihn von dort aus aber ganz gut sehen. Das wirft natürlich umgehend eine Frage auf: Was kümmert es den Rest der Republik, wenn die acht Millionen Menschen zwischen Göttingen und Cuxhaven sowie die 8,5 Millionen Schweine aus den Fleischfabriken um Cloppenburg und Vechta fünf weitere Jahre von einem Sozialdemokraten regiert werden, den der Charme der Unauffälligkeit umweht?

Nun, eine ganze Menge. Denn für die vielleicht Wichtigste in der außerniedersächsischen Welt, die Bundeskanzlerin, ist das Wahlergebnis vom Sonntag in etwa so wie das Leben in der ortsüblichen Massentierhaltung: nicht schön.

Allein dass die CDU diese Wahl verloren hat, müsste Angela Merkel tiefe Sorgenfalten auf die Stirn treiben, sah ihre Partei doch vor wenigen Wochen noch wie die sichere Siegerin aus. Da wird es kaum nutzen, dass Merkel-Vertraute in Erwartung einer Last-Minute-Schlappe, den blassen niedersächsischen CDU-Spitzenkandidaten Bernd Althusmann in vertraulichen Gesprächen zuletzt noch ein bisschen blasser zeichneten, als er im Wahlkampf agierte.

Der Eindruck, die Kanzlerin stecke mitten in einer tiefen Ergebniskrise, wird sich festsetzen. Der Schock vom Bundestagswahlabend wird durch die Hannover-Pleite wieder lebendig. Dass die AfD in Niedersachsen einen heftigen Dämpfer einstecken musste und den Abend über um den Einzug in den Landtag zittern musste, tröstet da kaum. 

Unkontrollierbare Rechtsruck-Euphorie

Doch die Schlappe im Land nach dem Dämpfer im Bund ist für die CDU nicht einmal das Schlimmste. Fataler als die Niederlage von Merkels Parteifreunden in Niedersachsen ist der zeitgleiche Triumph ihrer Schwesterpartei in Österreich. Der stramme Rechtsruck, mit dem sich der Ösi-Guttenberg Sebastian Kurz, Chef der grundpopulisierten österreichischen Konservativen, gerade in den Wiener Kanzlersessel hievt, wird die CSU in ihrem Furor bestärken, die rechte AfD mit rechten Parolen bekämpfen zu wollen.

Zwar hat nun der Meinungsforscher Manfred Güllner (Forsa) gerade erst dezent darauf hingewiesen, eine solche Strategie sei "völlig idiotisch". CDU und CSU verlören derzeit deutlich mehr Wähler "an den Friedhof" als an die AfD; junge Wähler, die sie als Konsequenz daraus verstärkt gewinnen müssten, seien mit rechten Parolen aber nicht zu bekommen. Doch die Rechteflankeschließer von der CSU dürfte das kaum beirren. Was zählen schon Argumente, wenn man endlich die Chance gekommen sieht, das zu tun, was man schon lange tun möchte?

Die Entladung des CSU-Triebstaus droht zu einer realen Gefahr für das Zustandekommen einer Jamaika-Koalition im Bund zu werden. Bereits vor diesem Wahlsonntag betrieb Alexander Dobrindt, der neue Chef der CSU-Landesgruppe im Bundestag, systematisch die Vorabdemütigung der Grünen. Sollte das durch die ebenso unkontrollierte wie unkontrollierbare Rechtsruck-Euphorie weiter befeuert werden, kann man die Jamaika-Sondierungen, die am Mittwoch endlich beginnen sollen, gleich knicken. Mit Kurz-Konservativen werden selbst die hyperregierungswilligen Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt nicht koalieren.