Die Machtspiele bei der AfD dauern zwar länger als 90 Minuten, aber am Ende gewinnt immer Alexander Gauland. Das ist die einzig dauerhaft gültige Regel in dieser von Konflikten und Häutungen geprägten Partei. Die anderen mögen sich streiten und Lager bilden, aber dann kommt Gauland und fällt sein Urteil. Und so geschieht es dann auch. Bernd Lucke scheiterte an der Autorität des 76-Jährigen, ebenso wie später Frauke Petry. Gauland hält seit Langem seine schützende Hand über den für viele in der Partei untragbaren Björn Höcke. Gauland bekommt für fast jede seiner Reden auf Parteitagen stehende Ovationen, er kann im Alleingang die Partei drehen.

Zum Beispiel beim Parteitag im Sommer 2016. Als die AfD schon dabei war, den Austritt aus der Nato ins Parteiprogramm zu schreiben, ging Gauland ans Mikro, sprach ein paar Minuten von weltpolitischer Verantwortung, danach stimmten die Mitglieder doch nicht für den Austritt. Und der Saal war erfüllt von dieser wohligen Ehrfurcht, wie sie nur Gauland in der Partei auslösen kann.

Viel Macht, kaum Verantwortung

Nun will er offenbar Parteivorsitzender werden. Auch wenn Gauland das offiziell noch nicht bestätigt hat: Dass er die Berichte nicht dementiert, deutet darauf hin, dass sie wahr sind. Seine Kandidatur beim Parteitag am Wochenende wäre zugleich folgerichtig und überraschend. Überraschend, weil Gauland eigentlich gern in der anderthalbten Reihe blieb: hinter den Parteivorsitzenden, die von ihrer Partei ja reihenweise gestürzt wurden, aber doch weit genug vorne, um jederzeit von jedem gehört werden. Gauland hatte Autorität, musste aber nicht, wie Parteivorsitzende, Kompromisse finden und vertreten. Eine luxuriöse Position: viel Macht, kaum Verantwortung.

Überraschend wäre ein Parteivorsitzender Gauland auch deshalb, weil sein wahrscheinlichster Partner im Vorsitz Jörg Meuthen wäre. Bisher diente die Doppelspitze dazu, verschiedene Lager in der AfD abbilden zu können. Das erzählt die Partei ja seit Jahren über sich: dass sie Flügel habe wie jede ordentliche Partei. Diese heißen nationalkonservativ und wirtschaftsliberal, oder radikal und bürgerlich, und für die besten der AfD-Strategen haben diese Label den Vorteil, dass sie dahinter ihre Machtinteressen verstecken können.

Jörg Meuthen hat es ganz nach oben geschafft, weil Teile der Öffentlichkeit und wohl auch der Partei seinen Professorentitel und sein bäriges Grinsen als Hinweis auf eine irgendwie gemäßigte Gesinnung fehldeuteten. Das hat Meuthen längst widerlegt, weswegen ein Führungsduo aus ihm und Gauland nicht mal mehr so tun könnte, als würde es irgendein inhaltliches Spektrum repräsentieren.

Die Partei will sich in Gauland spiegeln

Meuthen und Gauland haben gemeinsam die ständige inhaltliche und rhetorische Radikalisierung der Partei ermöglicht und betrieben. Beide wollen sich gar nicht erst nach einer möglichen Regierungsbeteiligung der AfD fragen lassen, weil sie wissen, dass schon eine Diskussion darüber so blöd nach Altpartei aussieht. Beide wollen für die AfD Macht ohne Verantwortung. Anders als Georg Pazderski, Gaulands wahrscheinlicher Gegenkandidat, der offener über Bündnisse mit Union oder FDP nachdenkt. Eine Nachgiebigkeit, die die Partei bisher noch immer bestraft hat, siehe Frauke Petry.

Hat Gauland also schon gewonnen? Nein, noch können ihn jene beim Parteitag am Wochenende verhindern, die sich noch wehren gegen den mächtigen Rechtsaußen-Männerbund um Gauland, Höcke und Meuthen. Sei es aus eigenen Machtinteressen oder tatsächlich aus inhaltlichen Gründen. Aber wahrscheinlich ist das nicht. Nicht nur, weil fast alle bisherigen Konflikte zugunsten der Nationalisten ausgegangen sind. Sondern auch, weil diese Partei ihren großen, alten Mann einfach zu sehr liebt. Die Lebenserfahrung, der berufliche Erfolg, die urdeutschen Bismarck-Zitate, die Großdenker-Geste – die Partei braucht ihn als schmeichelhaften Spiegel: Sie sieht ihn und meint, sich selbst zu erkennen.