Politik kann auch in einer Demokratie eine Frage von Leben und Tod sein, sagte der Schriftsteller Navid Kermani am Montagabend im Kölner Gürzenich während der Verleihung des Staatspreises von Nordrhein-Westfalen. Zur gleichen Zeit legte 100 Kilometer weiter östlich ein Mann dem Bürgermeister von Altena ein Messer an den Hals. Er verletzt Andreas Hollstein so schwer, dass er ins Krankenhaus gebracht werden muss. Der Staatsanwalt wird später von versuchtem Mord sprechen und von einem politischen Motiv. Offenbar fühlte sich der Täter von Hollsteins flüchtlingsfreundlicher Politik provoziert.

Während Polizisten den Täter dingfest machten und Sanitäter den Besitzer des Döner-Grills verarzteten, in dessen Lokal der Angriff stattgefunden hatte und der Hollstein beigesprungen war, wandte sich Kermani in Köln an Oberbürgermeisterin Henriette Reker und sagte: Das gut behütete Deutschland müsse dankbar sein für Volksvertreter, die keine Sekunde lang mehr vergessen würden, was wichtig ist. "Es ist keine kleine Sache, sondern heroisch, dass sie nicht verzagt haben, sondern ohne zu klagen, fortgefahren sind mit ihrem Amt." Reker war vor zwei Jahren auf einem Marktplatz von einem Rechtsextremisten in den Hals gestochen worden.

Die Angriffe auf Henriette Reker und Andreas Hollstein sind in Deutschland keine Ausnahme mehr. Inzwischen werden Politiker regelmäßig tätlich angegriffen. So häufig, dass das Bundeskriminalamt seit vergangenem Jahr eine eigene Statistik solcher Angriffe führt. Rund 1.800 Straftaten gegen Amts- und Mandatsträger zählte das BKA 2016, teilt das Bundesinnenministerium auf Nachfrage mit. In der überwiegenden Mehrheit der Fälle geht es um schriftliche Drohungen und Hassmails. Doch auch tätliche Angriffe sind dabei, Autos werden angezündet, Wahlkampfbüros beschmiert oder verwüstet.

Holger Münch, der Präsident des BKA, sagte: "Wir beobachten, dass Straftaten gegen Entscheidungsträger, Politiker, Betreiber von Flüchtlingsunterkünften und Helfer keine Einzelfälle sind."

Die meisten Täter sind Rechtsextreme

Zahlen aus diesem Jahr liegen noch nicht vor. Doch ein Blick nach Nordrhein-Westfalen zeigt, dass die Attacken seit dem Höhepunkt der Flüchtlingsdebatte etwas zurückgehen, von 53 im vergangenen Jahr auf 36 in diesem Jahr. Zugleich sinkt aber offenbar auch die Hemmschwelle, von Beschimpfungen zu Gewalt überzugehen. Die nordrhein-westfälische Polizei registrierte 2016 ausschließlich Bedrohungen, aber keine körperlichen oder andere Gewalttaten. Bis Dienstag zählten die Behörden in diesem Jahr bereits sechs Gewaltdelikte.

Die meisten Straftaten werden dabei von rechtsextremen Tätern verübt, insgesamt 808 der 1.800. Auf das Konto linker Täter gingen 168 Fälle, 225 fallen in die Kategorie Ausländerkriminalität, 640 Fälle können keiner Seite zugeordnet werden.

Bürgermeister Hollstein sorgt sich um Flüchtlinge. Schon zu Beginn seiner politischen Karriere, als Referent der Unionsfraktion im Bundestag, lag sein Schwerpunkt auf dem Asylbewerberleistungsgesetz. Als eine ZEIT-ONLINE-Reporterin ihn vor zwei Jahren in Altena besuchte, schwärmt der Bürgermeister von der Haltung Angela Merkels in der Flüchtlingspolitik. "Ich habe das C in der CDU wiederentdeckt", sagte er damals.

Weil Altena schrumpft und nur noch rund 17.000 Einwohner hat, fasste Hollstein schon 2014 den Plan, in den leerstehenden Wohnungen der Stadt Familien aus Bürgerkriegsgebieten anzusiedeln. Die Stadt erklärte sich bereit, 100 Flüchtlinge mehr aufzunehmen, als ihr nach dem offiziellen Schlüssel zugeteilt worden wären. Möglichst viele Familien mit Kindern sollten es sein. Alle Fraktionen im Stadtrat stimmten zu. Für diesen Einsatz wurde Altena im Mai sogar mit dem nationalen Integrationspreis ausgezeichnet.