Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble hat die Parteien nach dem Abbruch der Jamaika-Sondierungen zu Kompromissen aufgefordert, damit Deutschland eine stabile Regierung erhält. "Wir tragen gemeinsam Verantwortung für unser Land", sagte er bei der Eröffnung der ersten Bundestagssitzung nach dessen Konstituierung. Es sei klar, dass das Land regiert werden müsse. Wenn das nicht gelinge, "muss das schlüssig erklärt werden".

Um eine Regierung möglich zu machen, brauche es die Bereitschaft der Parteien, "auch vom Wahlprogramm abzurücken", forderte Schäuble. "Das ist kein Umfallen, das ist keine Profilschwäche." Nur so ließen sich Mehrheiten und Koalitionen bilden. Auch die Wähler forderte Schäuble auf, Verständnis für diese Konsenssuche zu entwickeln, in der die beteiligten Parteien und Politiker bei Positionen Abstriche machen müssten. "Das geht nicht im Hauruckverfahren", sagte der Bundestagspräsident.

Keine Staatskrise, aber eine Bewährungsprobe

Die erste reguläre Plenarsitzung seit der Konstituierung sei eine besondere, sagte Schäuble. Bürger und Abgeordnete stünden alle unter dem Eindruck der am Sonntag abgebrochenen Sondierungsgespräche. Verständlich sei, dass sich Menschen um die Stabilität des Landes sorgten. "Mit dem Abbruch sehen wir klarer, dass die Mehrheitsbildung schwieriger wird. Aber Demokratie braucht Mehrheiten."

Zugleich stellte sich Schäuble gegen Sorgen wegen des Abbruchs der Sondierungen. "Es ist eine Bewährungsprobe, aber es ist keine Staatskrise." Europa brauche aber ein handlungsfähiges Deutschland, das hätten die Reaktionen aus dem Ausland gezeigt.

Nach dem Scheitern der Jamaika-Gespräche ist derzeit noch vollkommen offen, wann Deutschland eine neue Regierung bekommt. Möglich wäre sowohl eine Neuwahl im kommenden Jahr als auch eine Minderheitsregierung oder eine große Koalition. Letztere wird allerdings von der SPD abgelehnt. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier will dazu in den kommenden Tagen Gespräche mit allen beteiligten Parteien führen.

"Sie sind der Lars Windhorst der deutschen Politik"

In seiner zweiten regulären Sitzung beschloss der Bundestag wegen der langwierigen Regierungsbildung zudem, mit Hilfe eines Hauptausschusses seine Funktionsfähigkeit sicherzustellen. Mit Ausnahme der Linken stimmten die Abgeordneten der im Bundestag vertretenen Parteien dafür, einen solchen Ausschuss mit 47 Mitgliedern zum zweiten Mal nach 2013 einzusetzen. Der Ausschuss übernimmt in der Gesetzgebung die Rolle der ordentlichen Bundestagsausschüsse, die erst nach der Bildung einer neuen Koalition besetzt werden. Mehrere Abgeordnete verschiedener Parteien mahnten jedoch, dass der Hauptausschuss nur ein Provisorium bleiben dürfe.

In der Debatte lieferten sich vor allem Sozialdemokraten und Liberale eine Auseinandersetzung. SPD-Fraktionsgeschäftsführer Carsten Schneider kritisierte FDP-Chef Christian Lindner für den Abbruch der Sondierungen: "Sie sind der Lars Windhorst der deutschen Politik", sagte Schneider mit Blick auf den Jungunternehmer der New Economy, der dann für die meisten seiner Unternehmen Insolvenz anmelden musste. FDP-Fraktionsgeschäftsführer Marco Buschmann hielt der SPD daraufhin ein "Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom" vor. Daraufhin erwiderte der Linken-Kollege Jan Korte: "Das war wirklich der Gag der Woche, dass ausgerechnet die FDP anderen vorwirft, ein Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom zu haben."