Die Gewinner haben gerötete Augen und gepuderte Gesichter. Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir ist am Montagnachmittag noch immer anzusehen, wie kurz ihre Nacht war. Doch die Chefverhandler der Grünen zeigen sich nicht erschüttert oder verwirrt. Im Gegenteil lächeln sie bei ihrer gemeinsamen Pressekonferenz immer wieder durch dicke Make-up-Schichten. Denn der Abbruch der Sondierungsgespräche könnte sich für das Spitzenduo als Glücksfall erweisen. Die Verweigerung der FDP bringt die beiden ihrem großen Ziel näher: einem schwarz-grünen Bündnis.

Vordergründig tun Göring-Eckardt und Özdemir am Tag danach alles, was Verhandler nach geplatzten Gesprächen so tun. Sie schieben die Verantwortung fürs Scheitern anderen zu und loben sich selbst. Die Grünen, sagt Özdemir, hätten bei den Gesprächen mit Union und FDP die demokratische "Kultur des Kompromisses" gelebt. Sie seien dabei bis an die eigene Schmerzgrenze gegangen – aus Sicht einiger Parteifreunde sogar darüber hinaus. Die Freidemokraten hingegen hätten auf Maximalforderungen bestanden. Die FDP habe auch eigentlich "nahezu vollständig bekommen", was "ihr angeblich so wichtig war". Etwa beim Abbau des Solidaritätszuschlags oder den Themen Bildung und Digitalisierung. "Wir waren der Einigung sehr nahe, bis die FDP an dem Abend eben beschlossen hat, den Raum zu verlassen."

Was für eine erstaunliche Wandlung: Die Grünen geben sich als Partei der staatstragenden Vernunft, die bereit und in der Lage war, mit der Union Kompromisse zu schließen, und schelten die FDP als unverantwortliche Außenseiter. Das war mal umgekehrt.

Immer ist die FDP schuld, nie die Union

Das Ergebnis ist ebenso paradox. Ausgerechnet die bei den Grünen verhasste FDP verhilft der einstigen Ökopartei zu einem guten Verhältnis mit der Union. Gemeinsam sahen Grüne und Unionsleute am späten Sonntagabend zu, wie Christian Lindner und Wolfgang Kubicki aus dem Raum gingen. Gemeinsam sahen sie perplex im Fernsehen, wie die FDP-Verhandler nicht ihnen, sondern den wartenden Journalisten den Abbruch der Gespräche verkündeten. Gemeinsam erfahrene Zurückweisung verbindet.

Das kann Göring-Eckardt und Özdemir nur recht sein. Beide werben seit Jahren für Bündnisse mit der Union. Im Bundestagswahlkampf sind die Grünen ihrem Spitzenduo eher widerwillig auf diesem Kurs gefolgt. Die Parteimehrheit fühlt sich noch immer der SPD weit näher als den Konservativen. Doch nach dem Scheitern der Sondierungsgespräche wirkt Schwarz-Grün wahrscheinlicher denn je.

Während Göring-Eckardt und Özdemir keine Gelegenheit auslassen, die FDP niederzumachen, gibt es kaum Kritik an der CSU. Und das, obwohl es noch am vergangenen Wochenende danach aussah, als könne ein Regierungsbündnis scheitern, weil Grüne und Christsoziale sich beim Familiennachzug für Angehörige von Geflüchteten nicht einigen konnten. Ein Interview des linken Grünen-Verhandlers Jürgen Trittin hatte noch am Sonntag entsprechende Spekulationen bestärkt. Das ist jetzt vorbei. Die FDP, erklärt Özdemir, habe die Union dazu gedrängt, die Grünen zu kritisieren, weil diese ihre Haltung bei dem Thema für "unverhandelbar" erklärt hätten. Immer ist die FDP schuld, nie die Union.

Mit den Konservativen lässt sich doch reden

Der Zweck dieser Taktik ist offensichtlich. Göring-Eckardt sagt: "Ich gehe – Stand heute – davon aus, dass es Neuwahlen geben wird." Kommt es dazu, werden sie und Özdemir sich im Wahlkampf als verlässliche Partner der Union präsentieren und noch offensiver als zuvor für ein Bündnis werben. Das Spitzenduo kann seine skeptische Parteibasis mit einem Verweis auf das 14-köpfige Sondierungsteam besänftigen: Haben die wochenlangen Gespräche nicht anschaulich gezeigt, dass sich mit den Konservativen reden lässt?

Aus der eigenen Partei müssen Özdemir und Göring-Eckardt vorerst keine Kritik fürchten. Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident Winfried Kretschmann stellte sich am Montag als einer der Ersten hinter seinen Schützling Özdemir. Ihm folgten die Parteifreunde aus dem größten Landesverband, Nordrhein-Westfalen. Deren Fraktionschefs bedankten sich beim Sondierungsteam, das "in einer unglaublich schwierigen Situation geschlossen, souverän, transparent und umsichtig verhandelt" habe. Özdemir und Göring-Eckardt haben den Rücken frei.