An einem grauen Oktobertag im Jahr 2015 entschied Abbas*, dass es nicht mehr so weiter gehen konnte: Seit zwei Jahren lebten er und seine Frau Samira als Flüchtlinge in Jordanien, vor acht Monaten war ihr Sohn Ziad geboren worden. Sie wohnten mit einem anderen Paar in einer Einraumwohnung in Amman, hatten keine Arbeitserlaubnis, kein Geld, und über allem schwebte die Angst, jederzeit in die Heimat abgeschoben zu werden: nach Syrien. Dort, das wusste Abbas, drohte ihm vermutlich der Tod; er war vor der Einberufung in Assads Armee geflohen.

Also entschied er sich an diesem Oktobertag zur Flucht. Abbas war Künstler, in seiner Heimat hatte er Bilder für Touristen gemalt; in Deutschland, dachte er, könne er damit Geld verdienen. Dass er allein fliehen musste, war ihm klar. Für seine Frau und seinen Sohn wäre die Flucht zu gefährlich gewesen. Und zu teuer; er hatte es gerade so geschafft, die 3.000 Euro für seine eigene Flucht zusammen zu bekommen.

Er würde seine Familie einfach in sechs Monaten nachholen, dachte Abbas, ganz legal. So hatten es ihm andere Flüchtlinge erzählt, so verstand er die Rechtslage. Also machte er sich auf den Weg, kam über den Westbalkan nach Berlin.

Wenn die Jamaika-Sondierer derzeit über den Kurs der deutschen Regierung diskutieren, dann geht es dabei auch um die Zukunft von Abbas. Während man sich bei Fragen der Bildung und Digitalisierung geeinigt und selbst bei der umstrittenen Obergrenze einen vagen Kompromiss gefunden hat, ist ein Thema weiterhin umstritten: der Familiennachzug von Menschen mit eingeschränktem Schutzstatus, den sogenannten subsidiär Schutzberechtigten.

Über 240.000 Menschen haben in den letzten zwei Jahren diesen Status erhalten, die meisten von ihnen sind Syrer. Dass so vehement über den Nachzug ihrer Familien gestritten wird, liegt auch daran, dass niemand weiß, wie viele Menschen kommen würden. Von Hunderttausenden ist bei der Union die Rede, die AfD spricht gar von zwei Millionen. Als realistischer gelten die Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), dort geht man von 60.000 aus. Bis zum März 2016 durften subsidiär Schutzberechtigte ihre Kernfamilie nachholen, dann wurde der Zuzug für zwei Jahre ausgesetzt. Die Wiederaufnahme ist es, die jetzt diskutiert wird.

Viele leiden unter Depressionen

Die Parteien liegen weit auseinander: Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt nannte die Wiedereinführung der Familienzusammenführung "elementar". Doch während sich Teile von CDU und FDP zumindest minimal kompromissbereit zeigen, beharrt die CSU darauf, die Zusammenführung auch weiterhin komplett auszusetzen. CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt schloss einen Kompromiss am Montag in der ARD ausdrücklich aus.

Abbas betrifft das alles unmittelbar. An einem Novembertag, knapp zwei Jahre nach seiner Flucht, sitzt er in einem Flüchtlingsheim im Süden Berlins. Ein unauffälliger Mann; 37 Jahre alt, Dreitagebart, schwarzer Sweater. Er ist höflich, seinem Gegenüber zugewandt. Und doch ist da eine Trauer in seinen Worten und Gesten. Abbas hat seine Frau und seinen Sohn seit zwei Jahren nicht gesehen, sie sind noch immer in Amman.

Integrationsexperten und Flüchtlingsorganisationen warnen vor den Folgen der Familientrennung: Asylbewerber, die ohne ihre Angehörigen leben, würden sich häufig von der Gesellschaft zurückziehen, heißt es, viele litten unter Depressionen, seien anfällig für Alkohol und Drogen. Einige seiner Bekannten hätten das Getrenntsein nicht mehr ausgehalten und sich scheiden lassen, erzählt Abbas. Andere seien zu ihren Familien zurückgekehrt, selbst in Krisengebiete. Er habe auch daran gedacht, doch Jordanien lasse niemanden mehr ins Land.

* Namen der Familie geändert.