Wie kann eine Familienpartei wie die CSU dagegen sein, Ehefrauen, Kinder, Eltern, vielleicht auch Großeltern, Onkel und Tanten von hierher geflohenen Kriegs- und Bürgerkriegsopfern die Einreise zu erlauben? Dass die CSU das tut, während die Grünen auf der Möglichkeit bestehen, hat einen erfolgreichen Abschluss der Sondierungsgespräche für eine schwarz-gelb-grüne Koalition in der Nacht verhindert. Nun müssen die Unterhändler nachsitzen.

Der Streitpunkt bleibt auf dem Verhandlungstisch. Ohne eine Lösung in der Frage des Familiennachzugs wird eine Einigung beim ohnehin schwierigsten Jamaika-Thema Einwanderung/Flüchtlinge/Integration kaum möglich sein. Und damit auch keine Aufnahme von Koalitionsverhandlungen.

Auf den ersten Blick scheint es in der Tat merkwürdig, weshalb die CSU und auch die CDU dagegen sind, Kriegflüchtlingen mit sogenanntem subsidiären Schutz, die nicht politisch verfolgt und deshalb asylberechtigt sind, über den März 2018 hinaus weiter verbieten wollen, Familienangehörige nachzuholen. Schließlich geht es "nur" um geschätzt 60.000 Menschen, die wahrscheinlich zusätzlich kämen. Also keine massenhafte weitere Zuwanderung.

Parallelwelten mit Familien

Aber die Frage hat hohe symbolische Bedeutung: Die CSU möchte zeigen, dass sie alles unternimmt, die Zu- und Einwanderung wirksam zu begrenzen. Deshalb hatte sie schon während der großen Koalition durchgesetzt, dass der Familiennachzug für diese Gruppe der Flüchtlinge – anders als bei anerkannten Asylbewerbern und direkten Kriegsopfern – ausgesetzt wurde. Diesen Beschluss möchte sie verlängern.

Die Grünen auf der anderen Seite wollen demonstrieren, dass sie sich für eine humane Behandlung der Flüchtlinge und eine Willkommenskultur einsetzen. Ein Zugeständnis der anderen Parteien in diesem Punkt würde es ihnen erleichtern, bei ihrer Basis und ihren Funktionären Zustimmung für schmerzhafte eigene Zugeständnisse zu gewinnen, etwa bei der Einrichtung von Aufnahmelagern oder der Einstufung auch der Maghrebstaaten als sichere Herkunftsländer.

Um ihre Forderung zu untermauern, argumentieren die Grünen, dass der Familiennachzug die Integration fördere. Wer seine Familie um sich habe, fühle sich nicht mehr allein und nicht mehr als bloß geduldeter Gast auf Zeit und werde sich leichter in die hiesige Gesellschaft eingliedern.

Das ist aber aus mehreren Gründen zweifelhaft. Erstens haben Migrations- und Integrationsexperten Zweifel, ob das Nachholen der Familien tatsächlich in jedem Fall die Integration erleichtert. Erfahrungen mit der ersten Migrantengeneration, den Gastarbeitern, zeigten eher, dass dann Parallelwelten entstehen, in denen die Migranten mit ihren Familien leben – abgetrennt von der übrigen Bevölkerung.