Am Ende ging alles ganz schnell. Ein bisschen zu schnell vielleicht. Schwupp, da war die FDP gerade noch mit großer Selbstsicherheit durch die letzte offene Tür geschlüpft, bevor das zähe Ringen der anderen drei Parteien doch noch in einer Jamaika-Koalition hätte enden können. Wie viel von dieser hektischen Inszenierung war kühles Kalkül? Und wie hoch ist der Anteil an Panik und Paranoia gewesen, den die FDP aus den Enttäuschungen der letzten schwarz-gelben Koalition mit sich herumschleppt? Das wissen nur die Protagonisten selbst.

Fadenscheinig und an den Haaren herbeigezogen sind allerdings die meisten Gründe, die sie nun präsentieren. Weder mangelte es an Trendwenden, wie Parteichef Christian Lindner nun beklagt. Noch waren so viele Punkte wirklich strittig, wie sein Vize Wolfgang Kubicki bemängelt. Eine Lösung beim Thema Zuwanderung hätte schnelle Einigungen bei anderen Themen ermöglicht. Das ist die Logik solcher Gespräche, das wissen sie auch bei der FDP. Glaubt man den Versicherungen von Unions- und Grünen-Unterhändlern, stand diese Lösung beim schwersten aller Themen unmittelbar bevor.

Ein fragwürdiges Manöver

Vielleicht war es gerade diese Aussicht auf Einigung, die den letzten Anstoß zum Ausstieg der FDP gegeben hat. Abzuwarten bleibt, ob der erhoffte Gewinn eintritt und ob sich das Manöver in größerer Zustimmung und besseren Wahlergebnissen rechnet. Man darf das getrost bezweifeln. Jedenfalls hat sich die FDP den Wählerinnen und Wählern vor dem 24. September, dem Tag der Bundestagswahl, bislang nicht als Speerspitze für die Kohleverstromung  zu erkennen gegeben. Rigidere Zuwanderungsregelungen als von der CSU durfte man auch nicht unbedingt von ihr erwarten. Die im Wahlkampf entscheidende digitale und fiskalische Modernisierungsagenda dagegen bleibt nun erst einmal auf der Strecke. Völlig ungewiss, ob sich die Zahl der Irritierten und Enttäuschten von der FDP durch neue Wählerschichten, die dann doch eher politisch weiter rechts zu verorten sind, kompensieren lassen. Bislang sind noch alle diese Versuche gescheitert.

An einem Punkt allerdings kommt man nicht umhin, Christian Lindner doch zuzustimmen: Über Wochen ist keine gemeinsame Vertrauensbasis zwischen den sondierenden Parteien und dem Spitzenpersonal entstanden, das war leicht zu erkennen.

Gründe dafür gibt es gewiss viele. Da war die unsägliche, mehr als dreiwöchige Politikpause zwischen der Bundestags- und Niedersachsen-Wahl. Das bedeutete jede Menge Zeit für jede Menge Vorfestlegungen und rote Linien. Zeit, in der der sprichwörtliche Zauber des Anfangs schon verspielt wurde – einfach, weil erst mal gar nichts anfing. Aus gutem Grund beginnen Verhandlungen – und nichts anderes waren diese Sondierungsgespräche in Wirklichkeit – gewöhnlich kurz nach einer Wahl. Es wird keine Rücksicht auf wahlkampfbedingte Ermüdung und Erschöpfung der Teilnehmer genommen.

Da waren aber auch diverse Durchstechereien und Wasserstandsmeldungen in klassischen und sozialen Medien. Der Anspruch der Öffentlichkeit über aktuelle Verhandlungsstände und Erfolgsaussichten hat sicherlich seine Berechtigung – aber ohne eine diskrete Rückzugsmöglichkeit kann ein solch schwieriges Unterfangen nicht gelingen. Wenn jeder Kompromissvorschlag in Sekundenschnelle die Vertraulichkeit verlässt, dann ist es schwer, vertrauensvoll zu verhandeln.

Da waren nicht zuletzt die vielen Interviews und Talkshow-Auftritte von Verhandlungsführern und solchen, die es gerne gewesen wären. Zeitweise konnte man zu dem Eindruck kommen, dass die Verhandlungen überwiegend im Fernsehstudio und auf dem Balkon der ehrenwerten Parlamentarischen Gesellschaft geführt werden. Überhaupt dieser Balkon! Lange vermittelten die Winke-Bilder von dort eine Leichtigkeit, wie sie den Verhandlungen von Anfang an nicht innewohnte.

Es wird jetzt viel gesprochen werden in den nächsten Tagen: wie es denn weitergeht und mit wem. Die Möglichkeiten allerdings werden weniger, dafür hat der nächtliche Austritt der FDP gesorgt. Die anderen Parteien werden hoffentlich die gleichen Fehler nicht ein zweites Mal machen. Ein Motto, dem sich übrigens Christian Lindner sehr verpflichtet fühlt.