Im Bundestag, immerhin, steht die Jamaika-Koalition: In der ersten Sitzung nach dem Scheitern der Sondierungsgespräche wird ein Antrag zur vorzeitigen Rückzahlung von Eurohilfskrediten durch Irland bestätigt – zum größten Teil mit den Stimmen von CDU/CSU, FDP und Grünen, und gegen das Votum von SPD, Linken und AfD. Doch bei künftigen Entscheidungen wird das kaum so einfach bleiben.

Im Parlament herrschen seit der Wahl erschwerte Bedingungen: Es gibt noch keine Trennung in Regierung und Opposition, es gibt sechs Fraktionen statt vier, so viele Abgeordnete wie noch nie – als die Parlamentarier die Hände heben, hat das Präsidium Mühe, eine Mehrheit zu erkennen. Und weil der Zuschnitt der Ministerien unklar ist, können die Abgeordneten noch keine Fachausschüsse gründen. So müssen die 47 Abgeordneten eines zunächst gebildeten Hauptausschusses die Gesetzgebung vorbereiten.

Und das alles nur, weil die FDP aus der Sondierung für ein schwarz-gelb-grünes Regierungsbündnis ausgestiegen ist.

War es das mit der staatspolitischen Verantwortung?

Keine andere Partei in Deutschland saß länger in der Regierung als die FDP. Auch deshalb war das Selbstverständnis der Liberalen stets geprägt vom Gefühl der staatspolitischen Verantwortung. Doch nach dem Abbruch der Sondierungsgespräche in der Nacht zum Montag bröckelt dieses Bild. Jetzt heißt es, von vielen Seiten, die FDP ducke sich weg. Noch Sonntagnacht hatten die Schuldzuweisungen begonnen.

In der ersten Bundestagssitzung nach dem Abbruch der Gespräche setzen sie sich fort. Der SPD-Finanzexperte Carsten Schneider verspottet den FDP-Chefsondierer Christian Lindner als den "Lars Windhorst der deutschen Politik" – als jenen Topunternehmer, dessen riskante Finanzgeschäfte oft Gerichtsstreitigkeiten nach sich zogen. Für die Liberalen geht als erster Abgeordneter – nach vier Jahren Pause – der Parlamentarische Geschäftsführer Marco Buschmann ans Pult. Er keilt zurück, die SPD sei schließlich die Partei, die "kaum das Wahlergebnis abwarten konnte, um die Flinte feige ins Korn zu werfen".

Doch wie rechtfertigt die Partei den Gesprächsabbruch – vor allem gegenüber ihren Wählern? Immerhin sagte Lindner am Sonntagabend: "Wir werden unsere Wählerinnen und Wähler nicht im Stich lassen, indem wir eine Politik mittragen, von der wir im Kern nicht überzeugt sind." Doch nicht allen FDP-Wählern dürfte die neue Rolle der Liberalen klar sein. Erst Regierungspartei, dann außerparlamentarische Oppositionspartei – und jetzt Protestpartei?

"Lindner hat es gar nicht nötig, gestärkt zu werden"

Die FDP dürfte jedenfalls wissen: Ihre Kritiker werden nicht so schnell verstummen, und bis zu einer Neuwahl kann noch viel Zeit vergehen. Auch deshalb zeigt sich die Partei derzeit geschlossen: Kritik aus den eigenen Reihe an Lindners Entscheidung gibt es keine – weder öffentlich noch hinter vorgehaltener Hand. Die FDP-Führung war ohnehin an den Sondierungen beteiligt, entschied damit auch über deren Abbruch. Bundesvorstand und Bundestagsfraktion haben die Entscheidung im Nachhinein einstimmig bestätigt. Selbst aus der zweiten Reihe der Fraktion kommt Zustimmung.

Lindner selbst spricht am ersten Sitzungstag im Bundestag nicht. Gut möglich, dass die Partei ihn zunächst vor direkten Angriffen schützen will. Umso eifriger verteidigen ihn seine Parteikollegen im Bundestag – und auch die liberalen Landespolitiker. Die Vorsitzende der Berliner FDP, Sibylle Meister, etwa sieht Lindners Rolle gestärkt: "Ich habe von keinem gehört, der gesagt hat: Wir hätten weiterverhandeln sollen." Eine Regierungsbeteiligung um jeden Preis sei auch gar nicht das Ziel der Partei gewesen.

Lindner gehe "auf keinen Fall geschwächt da raus, er hat es auch gar nicht nötig gestärkt zu werden", sagt Niedersachsens FDP-Vorsitzender Stefan Birkner. Einen Rückzug aus der staatspolitischen Verantwortung sieht er nicht. "Wenn wir nach Wochen der Prüfung zu dem Ergebnis kommen, dass kein stabiles Bündnis möglich ist, sind wir unserer Verantwortung gerecht geworden", sagt Birkner.

Im Gegenteil: Bei den Mitgliedern komme die Standhaftigkeit der FDP gut an – darin sind sich die beiden Landesvorsitzenden einig.