Schon Otto von Bismarck konnte nicht loslassen. Nach 28 Jahren als preußischer Ministerpräsident, vier Jahren als Kanzler des Norddeutschen Bundes und 19 Jahren als Kanzler des von ihm 1871 errichteten Kaiserreichs entließ ihn Wilhelm II. 1890 im Streit. Bismarck zog sich grollend auf sein Gut im Sachsenwald bei Hamburg zurück, als beschädigtes Denkmal seiner selbst.

Helmut Kohl, der sich stets an Bismarck orientierte und fast ebenso lange Kanzler war, schaffte es gleichfalls nicht, sich zur rechten Zeit in die Geschichte zu verabschieden. Dabei hatte er es, wie viele Regierende vor und nach ihm, eigentlich anders vor: Lange vor der Bundestagswahl 1998 rief er Wolfgang Schäuble zum Wunschnachfolger aus. Doch als es so weit war, fühlte auch er sich unersetzlich: Nur er könne die deutsche Einheit und die Einheit Europas vollenden, glaubte er. Die Wähler waren anderer Ansicht.

Die Macht entschwindet

Wird es Angela Merkel, die nun auch schon seit zwölf Jahren regiert, gelingen, nach dem Scheitern der Jamaika-Gespräche den Punkt zu erkennen, wann es Zeit für sie ist zu gehen? Fast hatte man schon vor einem Jahr den Eindruck. Nur zögerlich entschloss sie sich damals, erneut zu kandidieren.

Es folgte für sie aber am 24. September kein rauschender Sieg. Und jetzt auch noch das Fiasko bei den Sondierungen. Eine Kanzlerinnen-Mehrheit im Bundestag hat sie nach dem Platzen von Jamaika nicht in Sicht, die SPD will ihr nicht aus der Patsche helfen, eine Minderheitsregierung lehnt sie ab. Dennoch will sie es noch ein fünftes Mal wissen – bei einer Neuwahl.

Warum aber tritt sie nicht lieber von sich aus ab, bevor die Wähler endgültig dafür sorgen, wie schon bei Kohl?

Showdown für Seehofer

Horst Seehofer hat den Zeitpunkt wahrscheinlich längst verpasst. Auch er hatte eigentlich anderes versprochen: Frühzeitig vor der bayerischen Landtagswahl 2018 wollte er den Weg frei machen für einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin an der Spitze der CSU und der Landesregierung. Er hatte sogar einige Kandidaten auserkoren, die miteinander wettstreiten sollten, wer der geeignetste sei.

Doch dann fand auch Seehofer wieder Gefallen daran, weiter mitzumischen, Merkel genauso wie seinen Nachfolge-Rivalen Markus Söder zu ärgern. Und sagte seinen Abgang ab.

Nun fordern in der Partei nach dem schmählichen Ergebnis der CSU bei der Bundestagswahl und rapide sinkenden Umfragewerten viele einen personellen Neuanfang. Vor allem der bayerische Finanzminister Markus Söder hat sich sehr vernehmlich in Stellung gebracht, ihn zu beerben. Am diesem Donnerstagabend will sich Seehofer vor dem Parteivorstand erklären – ob er aufhört oder weiterkämpft bis zum bitteren Ende.

Lahme Enten

Das Problem aller geplanten oder gar angekündigten Rücktritte: Ab dem Moment, an dem das Ende der Amtszeit naht, gilt der jeweilige Politiker als lame duck. Die Macht schwindet, die Blicke richten sich auf den oder die möglichen Nachfolger, er oder sie kann nicht mehr viel bewegen.

Schon Seehofers Vor-Vorgänger Edmund Stoiber hatte sich selbst versenkt. 14 Jahre lang war er Ministerpräsident, acht Jahre CSU-Vorsitzender. 2002 wäre er beinahe Kanzler geworden, bei der Landtagswahl ein Jahr darauf holte er eine Zweidrittelmehrheit im Landtag – Rekordergebnis in Deutschland. 

2003 trug ihm Gerhard Schröder das Amt des EU-Kommissionsvorsitzenden an. Auch Bundespräsident hätte er werden können. Beides lehnte er ab. Der bayerische Himmel war ihm hoch genug.

Verfassungsrecht - So könnte es zu Neuwahlen kommen Der Weg zu einer Neuwahl ist schwierig, so will es die Verfassung. Welche Schritte vorher notwendig sind, erklärt das Video. © Foto: Carim Soliman