Der Grünen-Politiker Jürgen Trittin wirft Christian Lindner das Scheitern der Sondierungsgespräche zu einer möglichen Jamaika-Koalition vor. Die Gespräche seien nur geplatzt, weil die FDP "vor ihren eigenen Inhalten davongelaufen" sei, sagte Trittin in einem Interview mit der Zeitung Die Welt. Obwohl die Liberalen ihre Forderungen nach höheren Investitionen in die digitale Infrastruktur und einem Abbau des Solidaritätszuschlags durchsetzen konnten, hätten sie einfach den Verhandlungstisch verlassen.

"Das zeigt mir, dass die FDP nicht willens war, zu regieren und ihre eigenen Inhalte umzusetzen", so Trittin. FDP-Chef Lindner hatte das Ende der Gespräche offiziell mit dem Hinweis verteidigt, der Verhandlungsstand habe Grundsätzen seiner Partei widersprochen.

Der schleswig-holsteinische Grünen-Politiker Robert Habeck äußerte sich dagegen zurückhaltender über die Verantwortung der FDP. Es gehöre "zur Wahrheit, dass die Gespräche unglaublich schwierig waren", sagte der Grünen-Politiker dem Spiegel. Auch die Grünen hätten ein Scheitern der Gespräche in Erwägung gezogen: "Es lag von Anfang an kein Segen drauf. Auch wir Grünen haben sicher mehr als ein Dutzend Mal an Abbruch gedacht, aber uns immer wieder mühsam zusammengerauft. Man sollte jetzt nicht so tun, als hätte die Sonne über Jamaika geschienen, wenn die FDP geblieben wäre." 

Trittin: Lindner wollte Merkel stürzen

Die Kritik, die Grünen hätten in den Sondierungen zu viele Kernpositionen aufgegeben, wies Trittin zurück. Zwar habe man nur eine "sehr schwierige, aber vertretbare Lösung beim Klimaschutz" gefunden, dafür jedoch gute Ergebnisse in anderen Bereichen erzielt – etwa beim Thema Landwirtschaft oder dem von den Grünen geforderten Kinderzuschlag. Obwohl noch offene Fragen bestanden hätten, seien die Grünen bereit gewesen, den Versuch mit Jamaika "ernsthaft umzusetzen".

Trittin unterstellte FDP-Chef Lindner, er habe Kanzlerin Angela Merkel (CDU) stürzen wollen, da sie in den Gesprächen zu große Eingeständnisse gegenüber den Grünen gemacht habe. "Herr Lindner hatte, sicher zusammen mit anderen, darunter auch solchen in der Union, den Plan, Frau Merkel dabei zu stoppen und zu stürzen", sagte Trittin. Entgegen Lindners Intention habe die Flucht der FDP aus der Verantwortung die Position der Kanzlerin aber eher gestärkt.

Der langjährige Grünen-Vorsitzende Trittin sprach sich zudem für eine Neuwahl aus: Die FDP sei vor der Verantwortung geflohen und die SPD werde wohl weiterhin nicht für eine große Koalition zur Verfügung stehen. "Deshalb ist, ohne dass ich dem Bundespräsidenten vorgreifen möchte, eine Neuwahl der sauberste Weg", sagte Trittin in dem Interview.