ZEIT ONLINE: Überwiegt bei Ihnen seit dem 24. September die Erleichterung, dass sie die große Koalition los sind? Oder schon die Trauer, dass Sie jetzt nur noch auf der politischen Zuschauerbank sitzen?

Niels Annen: Ich bin in keiner Weise erleichtert. Das Wahlergebnis war für uns ein Desaster. Das wirkt nach. Es wäre schlimm, wenn es anders wäre. Da würden sich die Bürger zu Recht fragen: Was ist das für eine Partei, die mit solch einem niederschmetternden Ergebnis lapidar umgeht und einfach weitermacht?

ZEIT ONLINE: Aber Sie haben jetzt eine neue Rolle – als Opposition.

Annen: Ich freue mich nicht auf diese neue Rolle, in keiner Weise. Ich bin in die Politik gegangen, um etwas zu verändern und gestalten. Das können wir jetzt nicht mehr so leicht.

ZEIT ONLINE: Was können Sie als Außenpolitiker in der Opposition bewegen?

Annen: Wenn man klug ist, kann man auch als Opposition wichtige Akzente setzen und die Regierung vor sich hertreiben. Politik besteht ja nicht nur daraus, im Bundestag Abstimmungen zu gewinnen. Wir können, wenn wir es gut machen, die Meinungsbildung in der Gesellschaft entscheidend beeinflussen. Mehrheiten werden im Parlament abgebildet. Aber sie können durch politische Dynamik verändert werden. Das gilt auch für die Außenpolitik. Wir werden sehr genau darauf achten, dass die ausgewogene Außenpolitik, die Frank-Walter Steinmeier konzipiert hat und die dem Land gut getan hat, nicht infrage gestellt wird. 

ZEIT ONLINE: Also werden Sie im Zweifel für Streit auch um die Außenpolitik sorgen?

Annen: Die Außenpolitik ist ein besonderes Feld, weil dort die Gemeinsamkeiten bei allem Streit im Detail überwiegen. Wir werden die neue Regierung daran messen, ob sie dem Rechnung trägt. Eine starke Rolle Deutschlands in Europa kann ich im Moment nicht erkennen. Ein Beispiel: Die saudische Politik hat starke Auswirkung auf die ohnehin fragile Stabilität im Nahen und Mittleren Osten. Frankreichs Präsident hat versucht, mit einer kurzfristigen Reise nach Riad und einer Einladung für den zurückgetretenen Ministerpräsident Hariri die Krise im Libanon zu begrenzen. Aber wo ist Frau Merkel?

ZEIT ONLINE: Sie musste die Jamaika-Sondierungen in Deutschland entschärfen.

Annen: Ich habe Verständnis, dass in Berlin Koalitionsgespräche geführt werden müssen. Aber ich habe kein Verständnis dafür, dass sich die Bundesregierung im Moment völlig von der internationalen Bühne zurückzieht. Es ist unsere Aufgabe, darauf hinzuweisen.

ZEIT ONLINE: Obwohl ihr Parteifreund Gabriel noch Außenminister ist?

Annen: Er amtiert nur noch.

ZEIT ONLINE: Haben Sie denn das Gefühl, dass es bei Jamaika außen-, sicherheits- und europapolitisch in eine falsche Richtung läuft?

Annen: Bisher haben die vier Parteien auf dem Feld nur Allgemeinplätze formuliert. Die kann zu 80 Prozent jeder unterschreiben. Aber das ist noch keine Politik. Die Grünen versuchen sich um schwierige Entscheidungen bei den Bundeswehreinsätzen insbesondere in Afghanistan zu drücken. Sie haben es sich schon in den letzten vier Jahren in der Opposition oft leicht gemacht. Diesen Fehler dürfen wir als SPD nicht machen. 

ZEIT ONLINE: Welchen Fehler haben die Grünen gemacht?

Annen: Sie haben bei den Einsätzen jeweils aus dem Bauch heraus abgestimmt. Mal mit Nein, mal mit Ja, manchmal haben sie sich enthalten. Man braucht in der Außenpolitik jedoch Verlässlichkeit und eine klare Linie. Wir werden nicht zulassen, dass sich die Grünen, mit denen wir gut zusammen regiert haben, hier einen schlanken Fuß machen.