Nach dem Scheitern der Jamaika-Sondierungen ist in den Medien in Deutschland und Europa die SPD jetzt im Fokus der politischen Kommentatoren. Die Partei hatte nach ihrem schlechten Ergebnis bei der Bundestagswahl die Beteiligung an einer großen Koalition mehrfach ausgeschlossen. Parteichef Martin Schulz will aber inzwischen doch die Parteibasis über eine mögliche Regeirungsbeteiligung abstimmen lassen.

"Wie aber bekommt man die Partei wieder von dem Oppositionsbaum herunter, auf den sie sich nach dem katastrophalen Wahlergebnis flüchtete?", fragt sich die Frankfurter Allgemeine Zeitung. "Dazu dienen, als goldene Leitern, der 'Respekt vor dem Amt des Bundespräsidenten', der trotz ruhender Mitgliedschaft von sozialdemokratischem Blute ist, und der Respekt vor den Mitgliedern, die nun das letzte Wort haben sollen. Denn beim Heruntersteigen will natürlich auch Schulz nicht von der Leiter gestoßen werden".

Die Süddeutsche Zeitung erinnert an den Anfang von Martin Schulz' Kanzlerkandidatur.  Auch wenn das nach dem Absturz auf 20,5 Prozent nicht einfach sei, lohne es sich, darauf zurückzuschauen, wie der Wahlkampf begann: "mit einer Euphorie, einem regelrechten Hype um den Kanzlerkandidaten Martin Schulz – und eben mit der offenkundigen Sehnsucht der Wähler nach einer Alternative". Trotz vier Wahlniederlagen nehme die Partei aus dem Jahr 2017 daher neben Zweifel und Zukunftsangst etwas Wertvolles mit: "die Erkenntnis, dass sie noch gebraucht und sogar gewollt werden könnte". Bei der Frage, wie die SPD eine solche Alternative verkörpern könnte, stehe die Partei aber "am Ende des Jahres ungefähr so da wie zu seinem Beginn: ohne wirkliche Idee".

Der SPD-Führung sei klar, dass sie sich mit dem jüngsten Beschluss gegen eine große Koalition in ein "strategisches Schlamassel" manövriert habe, schreibt Spiegel Online. Koaliere die SPD am Ende mit der Union, habe sie ein Glaubwürdigkeitsproblem. Im anderen Fall stehe sie als Verweigerer da. Die Sozialdemokraten suchten nun nach einem "Graubereich", mit dem sie "gesichtswahrend aus der Angelegenheit entkommen" könnten. Für Parteichef Schulz sei die Lage besonders delikat. Denn während die Gewerkschaften für eine große Koalition sind, lehnten die Jusos sie kategorisch ab. Dort säßen aber "Schulz' treueste Fans".

"Die Stunde der Jongleure"

"In Berlin ist die Stunde der Jongleure angebrochen", schreibt die Neue Zürcher Zeitung. Die Bundesrepublik sei mit dieser Wahl in der Normalität parlamentarischer Demokratien mit Verhältniswahlrecht angekommen. Statt einer unangefochtenen Herrschaft der Volksparteien gehörten nun "eine fragmentierte Wählerschaft, Populisten aller Couleur und komplizierte Regierungsbildungen" zum Alltag. Die SPD wie auch die Unionsparteien seien nun auf der Suche nach einer Rolle in der neuen zersplitterten politischen Landschaft. CDU und CSU stellten jedoch "Macht über den Inhalt". "Sie sind deshalb die geborenen Regierungsparteien und werden sich besser als die stets an sich verzweifelnden Genossen unter den neuen Gegebenheiten zurechtfinden". 

Die SPD knicke vor dem Gespräch mit Merkel nun doch ein, schreibt die Amsterdamer Zeitung De Telegraaf. Grund dafür sei "nichts Geringeres als das Interesse des Landes". Die Bundesrepublik brauche eine funktionierende Regierung. Nach der tagelangen Pattsituation öffne sich bei der SPD "die Tür einen Spalt breit". Über allen Verhandlungen schwebe jedoch das "Spukbild von Neuwahlen".

Die sozialdemokratische Budapester Tageszeitung Népszava sieht die SPD in einer "sehr außergewöhnlichen Situation". Dass Schulz nach dem schlechten Wahlergebnis Parteivorsitzender bleiben konnte, verdanke er vor allem dem linken Parteiflügel und Gegnern einer großen Koalition. Jetzt hänge aber sein politisches Überleben davon ab, dass die SPD doch in eine große Koalition gehe oder eine CDU-Minderheitsregierung von außen unterstütze. Auch Schulz selbst sei sich klar darüber, dass die SPD bei einer möglichen Neuwahl wohl mit einem "neuen Gesicht" antreten werde.