Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wird am Dienstagnachmittag den FDP-Vorsitzenden Christian Lindner im Schloss Bellevue empfangen, um über das Scheitern der Sondierungsgespräche zu diskutieren – und auszuloten, ob das Jamaika-Bündnis nicht doch noch eine Chance hat. Vorher erwartet Steinmeier die Grünen-Vorsitzenden Simone Peter und Cem Özdemir zum Gespräch.

Am Sonntag hatte Lindner die Sondierungsgespräche mit Union und Grünen abgebrochen. Steinmeier hatte daraufhin am Montag alle Parteien ermahnt, sich um eine Regierungsbildung zu bemühen. Schließlich müsse, wer sich "in Wahlen um politische Verantwortung bewirbt", diese Verantwortung auch wahrnehmen. Er erwarte "von allen Gesprächsbereitschaft, um eine Regierungsbildung in absehbarer Zeit möglich zu machen".

Der Appell richtet sich auch an die SPD. Die Sozialdemokraten hatten nach Bekanntwerden des Scheiterns der Jamaika-Gespräche wiederholt, dass sie nicht für eine große Koalition zur Verfügung stehen. Am Mittwoch ist SPD-Chef Martin Schulz zu einem Gespräch mit dem Bundespräsidenten eingeladen. Karl Lauterbach, der Vizevorsitzende der SPD-Fraktion im Bundestag, sagte, eine große Koalition berge die Gefahr, "den rechten Rand noch stärker zu machen". Es sei zudem deutlich geworden, dass "die Bevölkerung dieser großen Koalition überdrüssig" sei, sagte Lauterbach. Die Schnittmengen zwischen Union und SPD bezeichnete er als "abgegrast".

"Merkel macht weiterhin einen starken Eindruck"

 In der Union wird diese Haltung kritisiert. Der CSU-Vizevorsitzende Christian Schmidt sagte dem RedaktionsNetzwerk Deutschland, die SPD habe eine "staatspolitische Pflicht". Es zeuge von "mangelndem demokratischen Verständnis, sich beleidigt in die Schmollecke zu verziehen". Auch CDU-Politiker Wolfgang Bosbach zeigte sich enttäuscht über die erneute Absage an ein Bündnis mit der Union: Er bedaure es sehr, "dass die SPD vorschnell die Übernahme von Regierungsverantwortung abgelehnt" habe. Außerdem bezweifle er, dass die Wähler diese Entscheidung "honorieren werden", sagte Bosbach der Heilbronner Stimme. CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer sprach von einer "Totalverweigerung" der SPD, die nicht gut für das Land sei. Eine Neuwahl sei "der schlechteste Weg, den wir gehen könnten", sagte der schleswig-holsteinische Regierungschef Daniel Günther (CDU).

Sollte es zu Neuwahlen kommen, will Angela Merkel wieder als Kanzlerkandidatin antreten. Dafür erhält die Bundeskanzlerin auch Zuspruch von den Grünen. In den Augen des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann hätten die Sondierungsgespräche zu einer weiteren Annäherung zwischen den Grünen und der Union geführt: "Wir in Baden-Württemberg haben das ja schon, aber hier ist auch auf Bundesebene ein Klima des Vertrauens entstanden", sagte Kretschmann der Stuttgarter Zeitung. Auch habe er nicht den Eindruck, "dass da in der Union eine große Kanzlerinnendebatte ausgebrochen" sei. Merkel mache auf ihn "weiterhin einen starken Eindruck".