Die Parteichefs von Union, FDP und Grünen beraten in kleiner Runde, ob weitere Diskussionen über die Aufnahme von Koalitionsgesprächen überhaupt noch sinnvoll sind. Dies berichten das ZDF und die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf Verhandlungsführer. Demnach herrsche "dicke Luft". Die Parteichefs müssten dies jetzt lösen. Im Gespräch ist laut ARD auch eine "zweiwöchige Denkpause" und somit eine Verlängerung der Jamaika-Sondierung. Zwischendurch beraten die Jamaika-Parteien immer wieder separat.

Hintergrund der erneuten Streitigkeiten ist offenbar ein Interview von Jürgen Trittin mit der BILD am Sonntag. Darin sagte der 63-Jährige, dass die "Kompromissgrenze" der Grünen erreicht sei. Sowohl Vertreter der FDP als auch der Union seien verärgert über Trittins Äußerungen. FDP-Politiker Wolfgang Kubicki kritisierte die Grünen und forderte, dass die Partei Jürgen Trittin in den Kreis der Chefverhandler aufnimmt. Dieser sei schließlich offenbar "der Entscheider". Mit Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir könne man zu keinen Ergebnissen kommen, sagte Kubicki.

Trotz der schwierigen Gespräche dringt die FDP auf einen Abschluss der Sondierungen am Sonntagabend. "Für uns ist 18 Uhr noch immer die Deadline. Wir drehen uns seit Wochen im Kreis", sagt FDP-Vize Wolfgang Kubicki am Rande der Sondierungen. CSU-Chef Horst-Seehofer sagte: "Ich denke, das ist der letzte Tag, wir müssen heute entscheiden."

Zentrale Streitthemen der Jamaika-Sondierungen sind weiterhin die Migration und die Klima- und Energiepolitik. In Teilnehmerkreisen hieß es, wenn das Thema Migration gelöst werde, werde man auch bei Klimaschutz und Energie zusammenkommen. Am frühen Sonntagnachmittag wurde bekannt, dass beim Thema Finanzen eine Einigung erzielt worden sei.  

Bericht: Lindner überholt CSU rechts

Bei der Zuwanderung waren die Grünen der CSU zuletzt entgegengekommen: Die von der Union geforderte Begrenzung auf 200.000 Flüchtlinge pro Jahr soll einem Kompromissvorschlag zufolge als "atmender Rahmen" gelten. Im Gegenzug erwarten die Grünen dafür Zugeständnisse beim Familiennachzug für Flüchtlinge mit eingeschränktem Schutzstatus. Die CSU fordert bisher, den Nachzug für diese Gruppe grundsätzlich auszuschließen. Das wollen die Grünen verhindern: Unterhändlerin Claudia Roth sagte, ihre Partei sei den anderen beim Thema Familiennachzug bereits weit entgegenkommen. Die grüne Parteijugend kritisierte das Vorgehen ihrer Verhandler. "Ein Richtwert von 200.000 bei der Flüchtlingsaufnahme wäre ein extremer asylpolitischer Rechtsruck", twitterte die Grüne Jugend. "Das dürfen Grüne nicht akzeptieren. Eine Obergrenze light mit grüner Beteiligung geht gar nicht!"

Die FDP will in dem Streit am Sonntag einen eigenen Vorschlag vorlegen. "Es gibt keinen Kompromissvorschlag, es gibt mindestens fünf", sagte Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) dazu. Den Familiennachzug befürwortet laut ZDF-Politbarometer ein großer Teil der Bevölkerung: Selbst 67 Prozent der Anhänger von CDU/CSU sind demnach dafür, ähnlich viele wie bei SPD und FDP. Unter den Anhängern der Grünen sind es sogar 88 Prozent.

Einem Bericht der Süddeutsche Zeitung zufolge irritierte in den letzten Tagen Christian Lindner in den Sondierungen mit überraschend konservativen Forderungen. Lindner habe in Momenten, in denen die CDU erfolgreich zwischen der CSU und den Grünen vermittelt habe, wiederholt "eine harte Linie eingeschlagen" und versucht, die CSU "politisch rechts zu überholen", berichtet die Zeitung unter Berufung auf Teilnehmer. Vor allem bei Themen, die öffentlich nicht als Themen mit Priorität für die FDP gelten, soll Lindner einer Einigung entgegengewirkt haben. Der FDP-Chef soll diese Vorwürfe zurückgewiesen haben.

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Beim Thema Klimaschutz und Energie wird vor allem um die Größenordnung der künftigen Kohleverstromung gestritten. Die Grünen hatten eine Reduzierung um acht bis zehn Gigawatt gefordert. Union und FDP wollten ursprünglich nur drei bis maximal fünf Gigawatt zugestehen. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) bot dann sieben Gigawatt an. Die FDP schlug laut Informationen der Deutschen Presse-Agentur zuletzt vor, fünf Gigawatt bis 2020 abzuschalten und die Reduzierung weiterer zwei Gigawatt im Regierungshandeln offen zu prüfen.  

Vor den Räumen der Sondierung demonstrierten am Sonntagmittag etwa 30 Beschäftigte aus der Kohleindustrie für den Erhalt der Braunkohleförderung in der Lausitz. Sie warnten auf Transparenten und Schildern, der Kohleausstieg werde die Versorgungssicherheit gefährden und ihre Arbeitsplätze vernichten. Die FDP-Teilnehmer der Verhandlungen empfingen die Demonstranten mit Jubel. Die Grünen-Politikerin Roth dagegen wurde mit Trillerpfeifen bedacht.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier forderte die Parteien auf, ihre Verantwortung wahrzunehmen. Anlass für "panische Neuwahlbedatten" bestehe nicht, sagte Steinmeiner der Welt am Sonntag.