Nach dem Abbruch der Jamaika-Sondierungen hat es den Eindruck, die FDP habe nun den Schwarzen Peter: CDU, CSU und Grüne machen Parteichef Christian Lindner für das Scheitern verantwortlich. Der wiederum schiebt die Schuld der Kanzlerin und CDU-Vorsitzenden Angela Merkel zu. Doch es ist nicht immer alles so, wie es scheint. Die Situation ist komplizierter.

Welche Partei verfolgt jetzt welche Ziele? Wie könnte ein Ausweg aussehen? Hier der Versuch, die politische Lage zu analysieren:

Die FDP kann jetzt erst das tun, was Lindner wohl ohnehin am liebsten wollte: Opposition. So kann sie ihre frische Unschuld bewahren. Der FDP-Chef hatte schon vor der Sondierung keinen Zweifel daran gelassen, dass er und seine Partei nach ihrer Rückkehr in den Bundestag nicht gleich in ein Kabinett drängen und dass sie keine Angst vor einer Neuwahl haben.

Lindner muss nun keine Abstriche vom (wirtschafts)liberalen Programm machen. Und er muss nicht als Minister oder Fraktionschef unangenehme Kompromisse mittragen. Er ist jung. Er kann vier oder acht Jahre warten, bis sich die FDP unter seiner Führung weiter stabilisiert hat und wieder mitregieren möchte.

Anders sieht es für seinen Vize Wolfgang Kubicki aus. Der gab sich in den Verhandlungswochen zwar stets skeptischer als sein Vorsitzender. Aber zum Abschluss einer langen politischen Laufbahn wäre er sicher gern Bundesminister geworden. Daraus wird nichts. Aber wie hatte er schon vor der Schleswig-Holstein-Wahl im Mai gesagt: "In meinem Alter muss nichts mehr."

Zieht sich die CSU in die Wagenburg zurück?

Die CSU ist Gewinnerin und Verliererin gleichzeitig. Sie muss nicht mit den Grünen regieren, ihrem Hauptgegner. Sie muss keine Abstriche bei ihrem Symbolziel Flüchtlingsobergrenze machen. Sie kann sich auf die Landtagswahl im kommenden Jahr konzentrieren, die für sie wichtiger ist als eine Regierungsbeteiligung im Bund.

Die CSU verliert damit aber auch die Möglichkeit, Einfluss auf die Bundespolitik zu nehmen und darüber ihre Eigeninteressen zu verfolgen. Dass sie nun keine Minister mehr in Berlin stellt, wird sie verschmerzen können. Nicht aber, dass sich nun verschärft die Frage nach der eigenständigen Rolle der Bayernpartei stellt.

Regierungsbildung - Es gibt vor allem Verlierer Jamaika ist gescheitert: Wie handlungsfähig ist Deutschland jetzt noch, und warum ist eine Minderheitsregierung so unbeliebt? Ein Videokommentar

Denn Wohl und Wehe der CSU hängt am Ausgang der Bayernwahl. Genau wie das Schicksal von Parteichef Horst Seehofer. Seit dem Debakel der CSU bei der Bundestagswahl traut ihm kaum noch einer zu, die absolute Mehrheit im Freistaat zu verteidigen. Aber ohne sie wäre die CSU nur noch eine normale Regionalpartei, nicht wichtiger als jeder Landesverband der CDU

Seehofer steht damit vor der Ablösung durch seinen schärfsten Rivalen Markus Söder. Der kann sich über das Scheitern von Jamaika aber auch nicht nur freuen. Denn sollte er jetzt die Führung der Partei und das Ministerpräsidentenamt übernehmen, würde ihm eine Niederlage in Bayern angelastet. Dann wäre auch er vermutlich bald wieder weg.

Kein grüner Kompromiss mit der CSU

Die Grünen müssen weder beim Thema Flüchtlinge noch beim Klima für sie schmutzige Deals schließen. Sie müssen sich auch nicht mit der CSU an einen Kabinettstisch setzen. Sie können damit ihre Ziele hochhalten. Die Verhandlungsführer Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt waren offenbar bereit, um einer Einigung willen genau hier große Abstriche zu machen: beim humanitären Flüchtlingsschutz und beim Kohleausstieg. Zum Ärger in der Partei.

Die Grünen bleiben, wenn sie sich nicht an einer Minderheitsregierung beteiligen, für vier weitere Jahre in der Opposition. Damit aber fehlt ihnen die Möglichkeit, die Bundespolitik mitzugestalten.

Die Wähler werden ihnen das bei einer Neuwahl nicht unbedingt danken. Die meisten Grünen-Anhänger möchten, dass ihre Partei mitregiert und die Welt auf diesem Weg zum Besseren wendet.

Für die Grünen stellt sich ebenfalls die Führungsfrage. Özdemir und Göring-Eckardt haben nichts erreicht – obwohl sie nach außen die größte Kompromissbereitschaft von allen vier Parteien zeigten.

Gewinner Trittin

Vielleicht sind sie auch gerade deswegen ergebnislos geblieben: Es ist nicht geschickt, in für eine Partei wichtigen Fragen ohne Not klein beizugeben. Das verschlechtert die Chance für die Endrunde, in der die großen Deals geschlossen werden.

Gewinner ist Jürgen Trittin. Wie einst sein Rivale Joschka Fischer ist er nun der (un)heimliche Vorsitzende, obwohl er formal kein Amt hat. Trittin zog die Strippen in den Sondierungen, wie schon bei den an ihm gescheiterten schwarz-grünen Gesprächen 2013. Kubicki forderte am Sonntag vergiftet wie entnervt, die Grünen sollten Trittin zu den Chefgesprächen dazuholen. Ohne ihn sei eine Einigung doch sowieso nicht möglich.

Özdemir und Göring-Eckardt taten das natürlich nicht. Keine Partei lässt sich so etwas von anderen vorschreiben. Aber ohne den gerissensten Strategen war eine Einigung, die auch die Grünen-Basis mitgetragen hätte, tatsächlich nicht möglich.