Am Wochenende bekam Martin Schulz sogar eine SMS aus Griechenland. Der linke Premierminister Alexis Tsipras habe ihn "ermuntert", an der Regierungsbildung teilzunehmen, erzählte Schulz am Montag freimütig. Der Grund liegt auf der Hand: Den immer noch auf europäische Finanzhilfe angewiesenen Griechen dürfte es deutlich lieber sein, wenn in Deutschland der erklärte Europäer Schulz mitregiert und nicht die FDP, die auch schon mal laut über einen Austritt Griechenlands aus der Eurozone nachgedacht hatte.

Was Schulz mit dieser kleinen Anekdote aber wohl vor allem sagen wollte, ist: Die SPD wird gebraucht. Nach dem Chaos der vergangenen Tage ist das für die nach wie vor ziemlich verwirrten Genossen ein wohltuendes Gefühl. Seitdem die Parteispitze beschlossen hat, sich Gesprächen über eine Neuauflage der großen Koalition nicht mehr ganz zu verschließen, ist es etwas ruhiger geworden in der Partei. Die panische Angst vor Neuwahlen, die vor allem jene Bundestagsabgeordneten erfasst hatte, die angesichts eines möglicherweise schlechteren Wahlergebnisses um ihr Mandat fürchteten, hat sich gelegt. Vorüber ist sie nicht.

Denn: Bei Deutschlands bislang schwierigster Regierungsbildung ist "keine Konstellation vom Tisch", wie der SPD-Vorsitzende betont. Zwar wird es am Donnerstag zu einem Treffen von Schulz mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Angela Merkel und Horst Seehofer kommen. Dabei dürfte der Bundespräsident die Parteichefs bitten, über die Möglichkeit einer großen Koalition doch wenigstens zu reden. Und, sollte es bei diesem Treffen nicht zu "tierischem Stress und Krach zwischen allen Beteiligten" kommen, dann werde es kurz darauf mit hoher Wahrscheinlichkeit ein weiteres Gespräch geben, sagt Schulz. Danach aber folgt erst mal ein SPD-Parteitag, auf dem die Basis genau diskutieren wollen wird, wie es weitergeht.

Schulz' strategischer Fehler

Schritt für Schritt also – kein überstürzter Beginn der Groko3, das ist die Botschaft der SPD-Führung. "Wir gehen in Gespräche, von denen wir noch nicht wissen, wohin sie führen. Wir brauchen Ruhe und Gelassenheit, ich habe beides", sagt Schulz.

Manchem Genossen müssen diese Sätze wie blanke Ironie erscheinen. Unvergessen ist schließlich der vergangene Montag, als der SPD-Vorstand sich nur Stunden nach dem Scheitern der Jamaika-Koalition gegen eine neue große Koalition aussprach. Der Vorsitzende preschte damals entschlossen vor: "Wir stehen angesichts des Wahlergebnisses vom 24. September für den Eintritt in eine neue große Koalition nicht zur Verfügung", sagte er mit strengem Blick in die Kameras. Seine Partei habe keine Angst vor Neuwahlen.

Die schnelle Vorfestlegung wird in der Partei auch von Schulz-Freunden als strategischer Fehler angesehen. Wenige Tage später revidierte die SPD ihren Beschluss, trippelte zurück und zeigte sich doch zu Gesprächen bereit. Schulz sei aufgegangen, dass er bei möglichen Neuwahlen angesichts des miserablen Ergebnisses vom 24. September wohl kein zweites Mal Kanzlerkandidat werden könne, heißt es. Außerdem hatten die Bundestagsabgeordneten kritisch nachgefragt, wie die demotivierte SPD denn bitte mit ihrem demotivierten und verunsicherten Personal und ohne vorbereitete Kampagne einen neuen Wahlkampf bestreiten solle.

Bereut Schulz seine vorschnelle Entscheidung gegen die große Koalition, die er später revidieren musste? "Wir sind alle überrascht worden", sagt er rückblickend: "Und dann entwickeln sich die Dinge auch." Und tatsächlich ist vieles im Fluss bei den Genossen. Die SPD ist eine Partei im Entwicklungsmodus, doch sie weiß nicht, wohin die Reise geht.

Genauso wie es in der Fraktion viele gibt, die Neuwahlen fürchten, haben viele andere Genossen Angst vor einer neuen großen Koalition. Und weil die Parteibasis eine mögliche Koalition per Mitgliederentscheid absegnen müsste, ist das eine große Hürde – auch für Angela Merkel.

Schulz' Ankündigung am Wahlabend, seine Partei werde nun in die Opposition gehen, wurde von den einfachen SPD-Mitgliedern bejubelt. Freudig begannen vor allem junge Genossen ihre Ideen für einen "inhaltlichen, personellen und organisatorischen" Neuaufbau der Partei voranzutreiben. Unbequemer sollte die SPD werden, das war auch Schulz' Ziel. Er übte Kapitalismuskritik, was vor allem junge Sozialdemokraten erleichtert aufatmen ließ. All das wäre natürlich passé oder deutlich schwieriger, sollte die SPD nun doch weiter mit der Union regieren. Die ehemalige Juso-Vorsitzende Johanna Uekermann fürchtet sogar um das "letzte Fünkchen Glaubwürdigkeit", das die SPD noch hat.