Nach dem Beschluss der SPD, eine Regierungsbeteiligung nicht mehr auszuschließen, diskutiert die Partei über mögliche Formen der Beteiligung. Ex-Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) und die Vorsitzende der SPD-Grundwertekommission, Gesine Schwan, brachten dabei eine neue Option ins Gespräch: eine Koalition aus SPD, Union und Grünen. Dies sei ein "kreativer Ausweg" nach dem Scheitern der Jamaika-Sondierungen, zitierte die Berliner Zeitung aus einem offenen Brief der beiden an SPD-Fraktionschefin Andrea Nahles.

Voraussetzung sei allerdings, dass zu den Themen soziale Gerechtigkeit und Europapolitik überzeugende gemeinsame Antworten gefunden würden. Eine solche Kenia-Koalition aus CDU, SPD und Grünen müsse wie eine Minderheitsregierung "als Übergangslösung verstanden und praktiziert werden, um eine Periode deutscher Instabilität und Unberechenbarkeit in der Europapolitik und im internationalen Bereich zu vermeiden", zitierte die Zeitung aus dem offenen Brief.

Grünen-Chef Cem Özdemir aber sprach sich gegen eine schwarz-rot-grüne Koalition aus. "Ich habe noch nicht so richtig verstanden, was bei Kenia der Mehrwert wäre, wenn CDU/CSU und SPD eine eigene Mehrheit hätten", sagte Özdemir dem SWR.

Streit über Entscheidung für oder gegen GroKo

In der Nacht war die SPD von ihrem kategorischen Nein zu einer Regierungsbeteiligung abgerückt. SPD-Parteivize Manuela Schwesig stellte aber im ZDF-Morgenmagazin klar: "Es gibt in der SPD keinen Automatismus zu einer großen Koalition." Neben einer großen Koalition müssten auch Alternativen dazu beraten werden – auch mit anderen Parteien als CDU und CSU.

Der langjährige Münchner Bürgermeister Christian Ude (SPD) forderte im Deutschlandfunk von der Parteispitze, eine große Koalition nicht mehr kategorisch auszuschließen. Der SPD-Politiker sagte, eine Koalition habe ihren Sinn, eine Minderheitsregierung brächte hingegen neue Unwägbarkeiten: Die SPD wäre als Dulderin verantwortlich für eine Politik, die sie nicht gestalte. "Wieso das besser sein soll als eine Koalition mit der Union, hat mir noch keiner erklärt", sagte Ude. Der SPD-Politiker Karl Lauterbach sagte dazu der Passauer Neuen Presse: "Wenn wir das Land in eine bessere soziale Verfassung bringen könnten und die Union ihre Abwehrhaltung aufgäbe, wäre eine große Koalition denkbar."

Generalsekretär Hubertus Heil hatte nach Beratungen der SPD-Führung deutlich gemacht, die Partei sei gesprächsbereit. Parteichef Martin Schulz hatte zuvor am Donnerstagnachmittag mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier über die Lage nach dem Scheitern der Jamaika-Sondierungen von Union, FDP und Grünen gesprochen. Schulz und der Parteivorstand hatten sich nach dem Scheitern zunächst darauf festgelegt, an ihrem Nein zu einer Neuauflage der großen Koalition festzuhalten.

SPD will weitere Gespräche führen

Mit Blick auf SPD-Chef Martin Schulz, um den es am Donnerstag Rücktrittsgerüchte gegeben hatte, sagte Parteivize Schwesig, Schulz werde unabhängig vom Verlauf der nun anstehenden Gespräche Bundesvorsitzender der Sozialdemokraten bleiben. Er habe in den internen Beratungen erneut angekündigt, auf dem Parteitag als Parteivorsitzender anzutreten. Dies sei von der SPD-Führung unterstützt worden.

Auch in der CDU gibt es Befürworter einer erneuten großen Koalition aus CDU/CSU und SPD. "Deutschland kann nicht mit einer Minderheitsregierung regiert werden", sagte der stellvertretende CDU-Chef und nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet im ZDF-Morgenmagazin. Man müsse Gespräche mit der SPD führen und Deutschland stabil regieren.

Die Sozialdemokraten kündigten für die kommenden Tage und Wochen intensive Gespräche an. Die SPD werde "konstruktiv an einem Ausweg aus dieser verfahrenen Situation mitarbeiten", hieß es am Freitag in einer Mitteilung der Parteispitze. Daraus ging allerdings nicht hervor, mit wem und worüber die Gespräche geführt werden sollen.