Am Freitagabend wiederholte die ARD eine alte Folge des Tatort. In einer Szene darin sperren Polizisten einen afrikanischen Flüchtling gewaltsam in eine Zelle. Die Beamten werfen ihn zu Boden und durchsuchen ihn. Dann fesseln sie ihn rücklings mit Händen und Füßen an eine flache Liege, löschen das Licht und lassen ihn allein. Die nächste Einstellung zeigt eine völlig ausgebrannte Zelle mit einem verkohlten Leichnam darin. Verbrannt heißt die Folge.

Als Inspiration diente den Drehbuchautoren der Fall von Oury Jalloh. Jalloh, ein Flüchtling aus Sierra Leone, er wurde 37 Jahre alt. Er starb am 7. Januar 2005 in der Arrestzelle Nummer fünf im Keller der Polizeiwache Dessau. Er habe sich selbst angezündet, behaupten die an diesem Abend anwesenden Polizisten seither hartnäckig. Vergangenen Donnerstag aber, am Vortag der Tatort-Ausstrahlung, wurden neue Hinweise veröffentlicht. Sie erhärten den Verdacht, Jalloh könnte doch getötet worden sein – wie der Mann im Film.

Im Tatort wird der Fall am Ende aufgeklärt und ein Polizist der Revierwache als Mörder überführt. Das Drehbuch weicht an der Stelle von der realen Vorlage ab: Im Fall Oury Jalloh hatte die Staatsanwaltschaft Halle die Ermittlungen im Oktober dieses Jahres eingestellt

Zweifel an der Selbstanzündung

Jetzt sollen sie wieder aufgenommen werden. Das möchte Gabriele Heinecke erreichen, die Rechtsanwältin von Jallohs Familie. Zwölf Jahre nach seinem Tod hat sie nicht nur Beschwerde gegen die Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft Halle eingelegt. Sie wird auch erneut eine Strafanzeige gegen die mutmaßlichen Täter stellen, kündigte sie nun an. Die seien namentlich identifizierbar, sagt Heinecke:  "Sie müssen endlich vor Gericht."  

Zahlreiche Gutachten gab es in den zwölf Jahren seit Jallohs Tod. Zuletzt hatten acht Gutachter den Fall im Sommer vergangenen Jahres erneut untersucht, unter ihnen vor allem Brandsachverständige. Sie haben Brandtests durchgeführt und versucht, die Szene in der Arrestzelle zu rekonstruieren. Jalloh soll an einem sogenannten inhalatorischen Hitzeschock gestorben sein, nachdem er mit einem Feuerzeug seine Matratze entzündete. So lautet die offizielle Version. Dafür müsste es in der Zelle binnen kürzester Zeit mindestens 180 Grad heiß geworden sein.

An dieser Diagnose gab es immer schon Zweifel, denn sie passt nicht eindeutig  zum rechtsmedizinischen Spurenbild. Also versuchten die Gutachter, anhand der Ermittlungsergebnisse selbst einen solchen Brand zu verursachen. Es war einfach nicht möglich. Das Ergebnis lag deshalb für sieben der acht Experten auf der Hand: Jalloh, so ihr Fazit, könne sich nicht selbst angezündet haben.

Die Staatsanwaltschaft schloss die Akte überraschend

An diesem Ergebnis kam selbst Folker Bittmann nicht mehr vorbei. Bittmann, leitender Oberstaatsanwalt, hatte jahrelang auf der Selbsttötungstheorie beharrt. Nach dem Gutachten aber ging offenbar sogar er von einem Verbrechen aus. Der Oberstaatsanwalt reichte die Akte im April an die Generalstaatsanwaltschaft weiter. Er benannte sogar konkrete Polizisten, gegen die sich sein Verdacht nun richtete. Der Generalstaatsanwalt gab die Unterlagen zur erneuten Prüfung an die Staatsanwaltschaft Halle ab.

Doch statt wieder von vorne anzufangen, schloss sie überraschend die Akte. Auch die erneute Prüfung habe "keine ausreichenden tatsächlichen Anhaltspunkte für eine Beteiligung Dritter an der Brandlegung ergeben", heißt es in der Begründung. Und auch die Auswertung der zahlreichen Gutachten verschiedener Fachrichtungen ließe "nur den Schluss zu, dass der konkrete Ausbruch des Brandes, dessen Verlauf und das Verhalten des Oury Jalloh nicht sicher nachgestellt und nicht eindeutig bewertet werden können".