Ist Jamaika doch noch eine Option für die Regierungsbildung? Nein, Christian Lindner hat diese Möglichkeit nicht "wieder ins Spiel gebracht", wie am Donnerstag verbreitet wurde. Am Ende eines langen Zeitungsinterviews sagte er nur, dass die FDP künftig zu Gesprächen mit anderen Parteien bereit sei. Gemeint ist das allerdings eher mittelfristig, nach den nächsten Wahlen. Das kann bis 2021 dauern.

Nicht von ungefähr verweist Lindner auf die Grünen, die von 2013 bis 2017 vier Jahre brauchten, um sich an den Gedanken, mit der Union zu koalieren, zu gewöhnen. Der FDP-Chef sagt also: Wenn sich nach einer möglichen Neuwahl die Konstellation bei den anderen Parteien ändern sollte, dann "sind wir gern dabei", wenn es um Gespräche geht.

Neu ist das nicht, wie Lindner sich hinterher zu Recht auf Twitter beklagte. Die Äußerungen seien doch "nahezu wortgleich dieselbe Position", die er seit Wochen "vertone", schrieb er. Und übrigens auch nicht seine Privatmeinung: Seine Partei habe das in einem Präsidiumsbeschluss Anfang Dezember "fixiert". Dennoch habe das Ganze auch fünf Tage vor Weihnachten seltsamerweise immer noch "Newsvalue", schreibt Lindner im Ton des Medienkritikers.

Tatsächlich stellt sich die Frage, was Lindner sonst in solchen Interviews antworten sollte. Nein, die FDP regiert nie wieder? Oder: Solange ich Parteichef bin, machen wir keine Kompromisse mehr? Seine Botschaft ist im Prinzip eine Banalität: Die FDP hat nicht vor, für immer und ewig Oppositionspartei zu bleiben.

Wichtiger als diese offensichtliche Erkenntnis ist, dass Lindner die Frage nach einer Jamaika-Option so schnell nicht loswerden wird. Seit der FDP-Chef die Sondierungsverhandlungen Ende Oktober beendet hat, ist er in Erklärungsnot: Fällt die alte Mehrheitsbeschafferin FDP unter ihm nun als konstruktive Kraft aus? Sieht sie ihre Rolle künftig nur noch darin, SPD und Union mal pfiffig, mal stark zu kritisieren? Das Stigma des verantwortungslosen Taktierers haftet an ihm. Sein hervorragender Ruf aus dem Wahlkampf – jung, anpackend, reformwillig – hat gelitten. Das zeigen seither seine persönlichen Umfragewerte und die seiner Partei.

Es ist also nicht nur die Presse, die ihm das vorhält. Es sind auch die eigenen Anhänger und Funktionäre, die die Frage nach der eigenen Regierungsfähigkeit nach wie vor umtreibt. Innerparteilich wird Lindners Verhalten seit der Wahl durchaus kritisch hinterfragt. Nicht nur von den Links- und Altliberalen, die ihn bisher gut fanden. Kritik kommt auch aus den Wirtschaftsverbänden, aus den ostdeutschen Landesverbänden und von denen, die selbst in Regierungsverantwortung stehen. Insofern sind die Botschaften, die Lindner aussendet, auch und nicht zuletzt an die eigenen Anhänger gerichtet: an all die an sich staatstragenden Kräfte, die sich nun sorgen, dass die FDP in einem Wettkampf mit der AfD austesten will, wer die härteste Opposition im Lande ist.

Selbst in der FDP-Bundestagsfraktion, der Lindner vorsteht, fragt man sich: Wie wollen wir künftig glaubhaft eine große Koalition kritisieren? Man habe ja schließlich selbst die Möglichkeit gehabt, es anders und besser zu machen. Macht es sich derjenige, der wegläuft, nicht zu einfach, wenn er nun diejenigen kritisiert, die statt seiner die Verantwortung übernehmen? Diese Kritik wird der FDP seit Oktober entgegengehalten, in jeder Diskussion. Sie wird Lindner auch im Jahr 2018 begleiten. Vielleicht sogar noch 2021.