Der Wille zur Macht in der CSU ist so unbeschreiblich groß, dass er der Partei die seltene Gabe verleiht, "Fünfe auch mal gerade sein zu lassen", wie es ein CSU-Mann aus Franken beschreibt. Auf dem Parteitag in Nürnberg haben die Christsozialen diese Fähigkeit mal wieder zur Schau gestellt.

Über Jahre hat CSU-Chef Horst Seehofer an zwei Fronten gekämpft, gegen seinen Widersacher Markus Söder und gegen die Kanzlerin und die gesamte Schwesterpartei. Er, wie auch Söder, durchzogen die ganze Partei mit einen Netz an Intrigen und Abhängigkeitsbeziehungen. Doch statt sich im Streit zu zerfleischen, demonstriert die Partei nun plötzlich Harmonie. Die CSU-Basis beklatscht brav die Rede der Kanzlerin und wählt eine Parteispitze als sei nichts gewesen. "Wir ziehen mit der Person in den Wahlkampf, die die größten Siegchancen hat und das ist Markus Söder", sagt Seehofer. 

Aushalten, abputzen, weitermachen – das hat die CSU anderen Parteien voraus. An der SPD-Spitze bricht ja schon Panik aus, wenn Sigmar Gabriel wieder mal ein Interview gegeben hat. Der Drang zur Selbstzerfleischung ist das sozialdemokratische Pendant zum Machtgen der CSU. 

Und so bekommt Horst Seehofer folgerichtig für zwei weitere Jahre als Parteivorsitzender 83,7 Prozent, vier Prozentpunkte weniger als bei seiner letzten Wahl. Das Ergebnis ist zwar sein bisher schlechtestes. Aber immerhin deutlich über 80 Prozent. Alles darunter wäre eine Blamage geworden, so wurde es in den letzten Tagen aus der Partei kolportiert. Und, so betonen viele Delegierte: Selbst Übervater Franz Josef Strauß hat schon mal weniger bekommen.

Revolution gegen Seehofer? Fehlanzeige

Die befürchtete Revolution gegen Seehofer, den viele in der Partei über haben, eine Quittung für die miese Bundestagswahl? Fehlanzeige. Eher ein zartes Aufbegehren: Fünf der über 800 Delegierten stimmten für Manfred Weber, vier für Markus Söder, einer für Ilse Aigner. Die standen nur allesamt nicht zur Wahl, weshalb auch Seehofer lachen muss, als der Wahlleiter, Innenminister Joachim Herrmann, das Ergebnis vorliest. 

Bei den Grünen muss der Proporz an der Parteispitze peinlich genau stimmen: Ost, West, Realos, Linke, Männer und Frauen. Konservative belächeln das zwar gerne. Aber auch in der CSU spielt die Herkunft bei der Ämterverteilung eine entscheidende Rolle: Unter Seehofers Stellvertretern müssen Schwaben, Franken und Altbayern sitzen, außerdem Bundes- und Landespolitiker. Wie bei jeder Partei liegt hier ein besonders gutes Ventil für Unmut: Während bei der Wahl zum Parteivorsitzenden meist die Parteiraison der Delegierten siegt, kann eine Stellvertreterwahl schon mal kontrovers werden. Bei der SPD etwa bekamen letzte Woche Ralf Stegner und Olaf Scholz nur rund 60 Prozent

In Nürnberg feiert Kurt Gribl, Oberbürgermeister von Augsburg, das beste Ergebnis: 90,4  Prozent. Manfred Weber, EVP-Chef, bekommt 84,6 Prozent. Besonders sein Abschneiden war mit Spannung erwartet worden. Denn Weber gilt als Vertrauter Seehofers und trägt mit einigem Stolz den Ruf des Anti-Söders vor sich her. Neu unter den Stellvertretern sind zwei Frauen: Dorothee Bär, Staatssekretärin im Verkehrsministerium und Melanie Huml, bayerische Gesundheitsministerin. 

Zu einer Kampfabstimmung, die sich zuvor abgezeichnet hatte, kommt es nicht. Christian Schmidt, Bundeslandwirtschaftsminister, zog seine Kandidatur zurück. "Ich werde den Platz freigeben", sagt er auf dem Parteitag. Er wolle an anderer prominenter Stelle der Partei dienen. Seine Geisterfahrt bei der Glyphosat-Verlängerung erwähnte Schmidt nicht, dürfte aber bei der Entscheidung eine Rolle gespielt haben – auch wenn er dafür dem Anschein nach Rückendeckung aus der Münchner Parteizentrale hatte. 

Die Wahl, auf die einige in der CSU seit Jahren warten, kommt ganz zum Schluss des Parteitags: Markus Söder soll zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl im kommenden Herbst werden. Er wird im Frühjahr schon die Amtsgeschäfte von Seehofer übernehmen.