Die Hamburger Polizei fahndet im Zusammenhang mit den G20-Krawallen öffentlich nach Straftätern. Mehr als 100 Aufnahmen von mutmaßlichen Tätern, die Autos anzünden und Geschäfte plündern, wurden dazu online veröffentlicht. Darunter sind Aufnahmen von Überwachungskameras in Bussen, Bahnen und Bahnhöfen sowie Handyvideos von Passanten. Das Material ist in fünf sogenannte Tatkomplexe unterteilt. Insgesamt hat die Polizei mehr als zehn Terabyte Daten ausgewertet.

Man suche bisher nach 104 Personen, die Arbeit der Sonderkommission dauere aber an, teilte die Polizei mit. In den meisten Fällen gehe es um gefährliche Körperverletzung, schweren Landfriedensbruch oder Brandstiftung. Hinweise – auch anonyme – werden über eine Hotline und auf der Webseite entgegengenommen.  Die  Sonderkommission "Schwarzer Block" besteht aus 165 Ermittlern. Sie ermittelt, nach eigenen Angaben, bisher in 3.340 Verfahren. Insgesamt gehe man von fast doppelt so vielen Straftätern aus, sagte der Hamburger Polizeipräsident Ralf Martin Meyer. Auch die Onlinefahndung werde möglicherweise noch ausgeweitet. Das Auswerten der Videos sei allerdings mit hohem Personalaufwand verbunden.

Als Reaktion auf die öffentliche Fahndung hatten linksextreme Aktivisten zuvor Fotos von 54 Polizisten veröffentlicht. Die Beamten seien nicht bei den G20-Protesten eingesetzt gewesen, sondern hätten an der Räumung des besetzten Hauses in der Rigaer Straße in Berlin teilgenommen. "Wir freuen uns über Hinweise, wo sie wohnen oder privat anzutreffen sind", schreiben die Aktivisten. Polizeigewerkschaften reagierten entsetzt, die Initiatoren seien "linksextremistische Terroristen".  Die Gewerkschaft der Polizei nannte das Vorgehen "abscheulich, diffamierend und das Resultat gewaltverherrlichender und -ausübender Grundhaltung".

Zum Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer Anfang Juli hatte es trotz des Einsatzes von mehr als 20.000 Polizisten schwere Krawalle gegeben. Randalierer lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei, zündeten Autos an und plünderten Geschäfte. Auch den Behörden wird Fehlverhalten vorgeworfen. Diese werden von einem Untersuchungsausschuss der Hamburgischen Bürgerschaft verfolgt.

Auch die Angaben der Polizei zum Ausmaß der Krawalle werden kritisiert. Berichte über ein brennendes Polizeiauto am Bahnhof Altona hatte die Polizei im Oktober revidiert. Die Hamburger Linksfraktion meldete Zweifel an den Schilderungen der Beamten zu den Ereignissen in der Nacht zum 8. Juli, als Randalierer über Stunden in der Straße Schulterblatt im Schanzenviertel gewütet, Geschäfte zerstört und Barrikaden angezündet hatten. Anwohner werfen der Polizei vor, sie nicht genügend geschützt zu haben. Die Polizeiführung hatte das späte Eingreifen damit begründet, dass militante G20-Gegner womöglich Gehwegplatten und Molotowcocktails von Dächern auf die Beamten werfen wollten, räumte aber später ein, keine Molotowcocktails, Gehwegplatten, Steine oder Eisenstangen als Beweismittel gesichert zu haben.

24 Urteile bis Anfang Dezember

Während der Gipfelkrawalle selbst nahm die Polizei mehr als 400 Menschen fest oder in Gewahrsam. 51 Menschen kamen anschließend in Untersuchungshaft. Viele davon stammten aus dem nahen europäischen Ausland; die Justiz befürchtete, dass sie sich vor Beginn eines Strafverfahrens absetzen. Bis Anfang Dezember waren 24 Gerichtsurteile in G20-Verfahren gefällt worden. Sieben Beschuldigte saßen noch in Untersuchungshaft. Derzeit laufen außerdem 115 Ermittlungsverfahren gegen Polizisten, davon 92 wegen Körperverletzung im Amt. Das geht aus einer Antwort der Hamburgischen Bürgerschaft auf eine kleine Anfrage der Linken-Abgeordneten Christiane Schneider hervor.

Der 18-jähriger Italiener Fabio V. etwa saß für vier Monate in Untersuchungshaft. Ihm wurde schwerer Landfriedensbruch vorgeworfen. Im November war ein 28-Jähriger auf der Basis von Videomaterial zu drei Jahren Jahren Haft verurteilt worden. Auf dem Video plündert der Mann inmitten Vermummter eine Drogerie-Filiale und zwei Supermärkte im Schanzenviertel. Ein anderer Mann wurde im Dezember, ebenfalls aufgrund von Foto- und Videomaterial, zu drei Jahren und drei Monaten verurteilt: die bisher höchste Strafe der G20-Verfahren.