Der Sonntag hätte für die CDU der Tag der Abrechnung mit Angela Merkel werden können. Am Abend war der Parteivorstand in Berlin zusammengekommen, um nach den Ursachen dafür zu suchen, dass die Union bei der vergangenen Bundestagswahl ihr schlechtestes Wahlergebnis seit 1949 erzielt hat. Ganz so schlimm wurde es für die Kanzlerin aber nicht.

Zwar diskutierten die Teilnehmer fast vier Stunden lang über den Wahlausgang, und zwar durchaus "kritisch und konstruktiv", wie hinterher zu hören war. Dabei wurde viel Frust abgelassen, der sich seit dem Wahlkampf angestaut hatte. Verwiesen wurde beispielsweise darauf, dass das schlechte Wahlergebnis für die CDU durchaus kein Ausrutscher war: In elf der vergangenen 13 Landtagswahlen sei man nicht über 33,5 Prozent hinausgekommen, kritisierte einer der Teilnehmer. Zu einer Abrechnung mit Merkel persönlich kam es aber nicht.

Das mag auch daran gelegen haben, dass die CDU-Chefin sich durchaus selbstkritisch gab: Der Union sei es nicht gelungen, auf die wachsende Bedeutung der Flüchtlingspolitik in der Endphase des Wahlkampfs angemessen zu reagieren, sagte sie laut Teilnehmern. Auch habe sie eingeräumt, dass der Streit mit der CSU kontraproduktiv gewesen sei. Den hätte man besser vor der Wahl ausräumen sollen.

Keine Euphorie

Die Debatte über das Wahlergebnis hat Merkel damit also erst mal hinter sich gebracht. Noch wichtiger aber dürfte für sie sein, dass Vorstand und Präsidium sich auch darin einig waren, dass eine neue große Koalition einer Minderheitsregierung oder Neuwahlen vorzuziehen sei. Euphorie gäbe es mit Blick auf eine neue große Koalition, in der CDU zwar gewiss nicht, hieß es hinterher. Merkel-Kritiker wie Jens Spahn, der zuletzt in Interviews eine Minderheitsregierung als Alternative ins Spiel gebracht hatte, seien aber deutlich auf Widerspruch gestoßen.

Merkel selbst sieht die Chancen, dass eine große Koalition zustande kommt, offenbar verhalten optimistisch. Neben Differenzen gäbe es auch eine ganze Reihe von Schnittmengen, betonte sie nach den Gremiensitzungen am Montag. Konkret nannte sie die Stärkung von Familien und die Entlastung von kleinen und mittleren Einkommen. "Wir sind nicht für die Bürgerversicherung", wies sie zwar eine der zentralen Forderungen der SPD zurück. Fügte dann jedoch an, dass die Union durchaus bereit sei, an "strukturellen Defiziten im Gesundheitssystem" etwas zu ändern.

Länger sprach Merkel auch über das Thema Europa. Anders als CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt, der am Vormittag die Forderung von SPD-Chef Martin Schulz, bis 2025 die Vereinigten Staaten von Europa zu gründen, noch klar zurückgewiesen hatte, ging Merkel auf dieses Ziel gar nicht erst ein. Sie nannte dafür aber eine Vielzahl von Feldern – von der Wirtschafts- und Währungsunion über eine gemeinsame Verteidigungs- und Außenpolitik bis zum Umgang mit dem politischen Islam – auf denen sie eine stärkere europäische Zusammenarbeit für sinnvoll und geboten halte. Hier dürften sich durchaus Ansätze für eine gemeinsame Europapolitik mit der SPD bieten.

Eingesetzt hat der CDU-Vorstand mittlerweile auch eine Rentenkommission, die sich Gedanken über eine Weiterentwicklung des Rentensystems machen soll. Dort soll unter anderem die von der SPD gewünschte Solidarrente diskutiert werden, die langjährig Versicherten ein Rentenniveau oberhalb der Grundsicherung ermöglichen soll.

Angst ums Profil

Dass Merkel dennoch in den kommenden Wochen harte Verhandlungen bevorstehen, liegt jedoch nicht nur an der SPD, die diesmal besonders wenig Lust auf eine große Koalition hat. Es liegt auch an den eigenen Leuten. Denn die fürchten nach dem schlechten Wahlergebnis ebenfalls, in einer erneuten großen Koalition noch weiter an Profil zu verlieren – und legen den Maßstab für einen Erfolg entsprechend hoch.

Unter keinen Umständen dürfe eine neue große Koalition "ein Remake" der alten werden, betonte etwa CSU-Landesgruppenchef Dobrindt. Eine Patchwork-Koalition wie beim letzten Mal, in der einfach die unterschiedlichen Lieblingsprojekte der Koalitionäre addiert würden, könne man sich diesmal nicht leisten. Stattdessen müsse eine neue große Koalition klar sagen können, in welche Richtung sie Deutschland voranbringen wolle. Die SPD müsse begreifen, dass die Mehrheit in der großen Koalition eine bürgerliche sei, sagte Dobrindt schon mal in Richtung des potenziellen neuen, alten Koalitionspartners.