Obwohl entsprechende Dokumente öffentlich wurden, streiten das sowohl Ditib als auch die Religionsbehörde in Ankara vehement ab. So erklärt Ali Erbaş als Vorsitzender der Diyanet am Sonntag zu Beginn der Mitgliederversammlung, jegliche Anschuldigungen hätten sich in Luft aufgelöst, wie die Einstellung des Verfahrens wegen Spionage durch die Generalbundesanwaltschaft zeige. Und Bekir Alboğa, bis Sonntag Vorstandsmitglied im Bundesverband, betont, es habe in seiner achtjährigen Amtszeit keine inhaltliche Einmischung und irgendwelche Anweisungen aus Ankara gegeben.

Das Image der Ditib als Garant für ein moderates Islamverständnis aber ist arg beschädigt – und hat den Rückzug von Verhandlungs- und Dialogpartnern von lokaler bis zur Landesebene zur Folge.

Landesregierungen beenden Kooperationen

Auf Landesebene werden Fördermittel für Bildungsprojekte eingestellt, Kooperationen mit Ditib abgelehnt. Wie unlängst in Hessen, wo der Landesjugendring sich gegen die Aufnahme der Ditib-Jugend aussprach. Und mehrere Landesregierungen haben die Verhandlungen über einen Staatsvertrag mit Ditib-Landesverbänden auf Eis gelegt oder abgebrochen. In Niedersachsen hat die neue Landesregierung sich vorgenommen, eine andere Form der Zusammenarbeit mit dem Ditib-Landesverband zu finden. Es soll dafür nun ein Gutachten geben. Leidtragende des Imageschadens sind vor allem die einzelnen Gemeinden, weil nämlich nicht nur auf Bundes- und Länderebene die Verhandlungspartner einen Rückzieher machen, sondern auch die Dialogpartner vor Ort. So verlieren auch seriöse Ditib-Ehrenamtliche wertvolle, über Jahre aufgebaute Kontakte und Einflussmöglichkeiten.

Hat die Vorstandswahl an Heiligabend die Wende gebracht? Allzu viel Hoffnung auf eine "Revolution" hatten auch die Reformer unter den Ditib-Funktionären nicht, als sie sich auf den Weg nach Hürth machten. Nicht zuletzt, weil Delegierte vor der Wahl keinen Einfluss darauf hatten, wer überhaupt kandidieren durfte. Ihnen wurde eine Liste mit 14 Namen präsentiert, aus denen sie sieben zu wählen hatten. Zusammengestellt hatte die Namensliste der Ditib-Aufsichtsrat, der aus einer Altherrenrunde und Vertretern der türkischen Religionsbehörde besteht. "Lauter Leute also, die keine Ahnung von den Realitäten hier in Deutschland, dafür aber eine bestimmte Politik im Sinn haben", sagt ein Kritiker aus einem der Landesverbände.

Der neue Vorsitzende ist der alte

Auf den ersten Blick erwecke der neu gewählte Vorstand den Eindruck, dass Ditib der Forderung nach struktureller Ablösung von der Türkei nachgekommen sei. Denn im Vorstand mit sieben Mitgliedern sind – anders als zuvor – nicht mehr zwei, sondern ist nur noch ein Religionsattaché vertreten. Dafür sind nun zwei Vertreter aus den Landesverbänden dabei. "Die gehören aber nicht zu den Reformern", heißt es aus dem Kreis der Kritiker. Vorstandsvorsitzender bleibt der Theologe Nevzat Yaşar Aşıkoğlu.

Unklar bleibt während der Recherchen, was genau die Aufgaben des Bundesvorstands sind und welche Funktion er im Bezug auf die Arbeit der Landesverbände hat. Die Aussagen von Ditib-Funktionären dazu weichen stark voneinander ab – von "gar keine" über "beratend" bis "Vorgaben für die Verhandlungen mit dem Landesregierungen machend".

Manche der Delegierten reisten hoffnungsvoll nach Hürth und fuhren mit dem Gefühl wieder heim, nur Marionetten gewesen zu sein. In der schwierigsten Phase ihres Bestehens konnte sich die Ditib nicht zu echten Veränderungen durchringen und lässt lieber das allermeiste beim Alten. Das werden auch diejenigen in den deutschen Regierungen, Kommunen und Institutionen genau beobachten, die sich Gedanken über den Umgang mit dem Islamverband machen. Im Februar werden die Staatskanzleien der Bundesländer bei einem Treffen über das weitere Vorgehen beraten.