Die Flüchtlingskrise ist vorbei

Im Juli begleitete ich Angela Merkel auf ihrer Sommerreise an die Ostsee. Das Wetter war gut, in den Umfragen lag die Union bei knapp 40 Prozent Zustimmung. In den Kurpavillons in Strandnähe, in denen Merkel auftrat, begegnete ich vor allem gut gelaunten Menschen. Gegendemonstranten gab es nur ganz vereinzelt, die wenigen Pfiffe gingen im allgemeinen Applaus unter.

Damals hatte ich den Eindruck: Die Flüchtlingskrise ist ausgestanden. Das Thema bewegt die Menschen nicht mehr. In Merkel sehen sie wieder die Garantin für politische Stabilität.

Doch gegen Ende des Wahlkampfes zeigte sich: Das war eine Fehleinschätzung. Die Polarisierung, die der Zuzug von einer knappen Million Flüchtlinge im Jahr 2015 ausgelöst hat, war und ist längst nicht überwunden. Es hatte nur eine Weile gedauert, bis es AfD und NPD gelang, ihre Leute zu mobilisieren und Wahlkampfveranstaltungen – vor allem von Merkel – massiv zu stören. Wir Medien erwiesen uns als ihre getreuen Unterstützer, indem wir den Hass von wenigen durch unsere Berichterstattung riesengroß machten. Weil ein paar Schreihälse interessanter sind als die vielen, die nicht schreien. Plötzlich dominierte die Flüchtlingskrise wieder alles.

Ohne diesen Umschwung wäre das Wahlergebnis vermutlich anders ausgefallen. Unsere Demokratie ist stimmungsabhängiger geworden, als sie es früher war. Wer jetzt als Journalist mit allzu großer Sicherheit in die Zukunft blickt, erweist sich schnell als falscher Prophet. (Katharina Schuler)

2017 kommt die EU endlich voran

Es war im Frühjahr. Die Bienen summten durch Rapsblüten, die Sonne wurde immer kräftiger und der Islamhasser Geert Wilders verlor die Wahl in den Niederlanden ebenso wie die Nationalistin Marine Le Pen in Paris. Als  der Europavisionär Emmanuel Macron die Mehrheit der Franzosen überzeugt hatte, war ich mir sicher: 2017 kann für die EU nur ein erfolgreiches Jahr werden.

Auf dem halben Kontinent demonstrierten zu dieser Zeit Menschen in den Städten der EU für den "Pulse of Europe", und in Deutschland nominierte die SPD einen Mann als Kanzlerkandidaten, der die Europäische Union mindestens so sehr liebt wie seine Currywurst: Martin Schulz, ehemaliger Präsident des Europäischen Parlaments, wird doch den deutschen Wahlkampf für eine Europäisierung der Politik nutzen, dachte ich. Und lag falsch.

Macron mag der größte Visionär Europas, Merkel die beste "Klempnerin" der Welt sein (Zitat von einem deutschen Industriellen), doch zusammengefunden haben sie trotz oder wegen Martin Schulz noch nicht, um die EU zu reparieren. Aber 2018 sollen die Bienen ja wieder summen, der Raps blühen. Da könnte noch was gehen … (Steffen Dobbert)

Die Jamaika-Regierung kommt

Eine Woche, bevor die Sondierungen scheiterten, erschien im Spiegel ein Interview mit dem FDP-Vorsitzenden Christian Lindner. Titel: Aus Jamaika kann etwas werden. Spätestens danach waren wir uns im Politikressort relativ sicher, dass es schon irgendwie klappen wird, all der Kraftmeierei von Dobrindt, Trittin und Kubicki zum Trotz. Zwar hatten wir für ein Scheitern (zum Glück) einen Notfallplan: Sofort Liveblog, die Kollegen x und y kommentieren. Aber das war eher Pflichtübung als realistisches Szenario.

Wir waren überzeugt, dass der Wille zur Macht und der Druck der Verantwortung stärker wiege als alle Unstimmigkeiten. In der deutschen Konsensrepublik war die Einigung doch unausweichlich – dachten wir.

Wir hatten unterschätzt, dass die alte Mehrheitsbeschafferin FDP sich in der Opposition gewandelt hat. Auch, dass Regieren als solches nicht mehr unbedingt erstrebenswert ist. Ob das nun auch für die SPD gilt, die eine große Koalition vorverhandelt? Wir wissen es nicht. Aber wir bereiten für alle Fälle einen Liveblog vor. (Michael Schlieben)