Auf der Skala der politischen Vorwürfe rangiert "Querfrontler" weit oben, nur eine Gewichtsklasse unter dem tödlichen Hitler-Vergleich. In der Weimarer Republik stritten manche Linke für ein Bündnis mit rechten Nationalisten, das war die Ur-Querfront und ein linker Sündenfall. Nun, fast ein Jahrhundert später, streitet die Linkspartei erbittert und offen darum, mit wem sie welche Bündnisse eingehen darf, was ihr nutzt und was den Nationalisten. Was antisemitisch ist und was Herrschaftskritik.

Die Rhetorik ist dabei längst eskaliert, vor allem bei jenen, die in der Minderheit sind: Von "Zensur" und "stalinistischen Geheimverurteilungen" ist die Rede. An diesem Donnerstagnachmittag wollen sie ihre Wut zum Ausdruck bringen: Auf dem Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin werden vor der Parteizentrale der Linken Politiker ebendieser Partei explizit "für Meinungsfreiheit" und implizit gegen ihren eigenen Vorstand demonstrieren.

Gut gegen Böse

Als Beobachter wundert man sich über Art und Brutalität dieses innerparteilichen Konflikts. Aber je näher man ihm kommt, desto klarer wird: Genau so funktioniert diese Partei. So, wie sie nach außen ihre Stärke daraus bezieht, die Welt meist klar in Gut und Böse zu teilen, so sind auch die Konflikte in der Partei selbst schmerzhaft eindeutig. Die Partei entkommt ihrem eigenen dualistischen Politikverständnis nicht. Marx würde sagen: Die Geschichte aller bisherigen linken Parteien ist die Geschichte von Flügelkämpfen.

Was ist passiert? Im Mittelpunkt steht ein Mann, der gar nicht Mitglied der Partei ist: Ken Jebsen. Der ehemalige Radiomoderator vermischt in seinen Videos und Auftritten Antikriegsaktivismus mit Tiraden gegen die Macht der Juden auf der Welt und anderen Verschwörungsgeschichten. Jebsen ist die personalisierte Querfront. Und hat Unterstützer auch in der Linkspartei. Nun sollte er in einem Berliner Kino, das direkt neben der Linken-Parteizentrale liegt, einen Preis für aufrechten Journalismus erhalten. In der Veranstaltungsankündigung wird auch die Teilnahme dreier Linkspolitiker erwähnt, darunter der Bundestagsabgeordnete Diether Dehm und der ehemalige Fraktionsvize im Bundestag, Wolfgang Gehrcke.

Gegen die Preisverleihung wiederum stellte sich Klaus Lederer, Kultursenator in Berlin und einer der exponiertesten Querfront-Gegner in der Partei. Er schimpfte auf seiner Facebook-Seite darüber, "dass ein Kulturort in Berlin diesem Jahrmarkt der Verschwörungsgläubigen und Aluhüte eine Bühne bietet". Sein Staatssekretär rief noch bei dem Kino an, das auch staatliche Mittel erhält, danach wurde die Preisverleihung abgesagt.

Drohmails gegen den Kultursenator

Jetzt ging es aber erst richtig los. Die empörten Gehrcke, Dehm und ihre Mitstreiterin Christiane Reymann riefen zur Unterschriftenkampagne und "konzentrierten Aktionen" gegen ihren Parteifeind Lederer auf. Der bekam daraufhin Drohmails, weswegen im Parteivorstand seine Kollegin Caren Lay einen Antrag "Klare Kante gegen Querfront" stellte. "So kann man doch in einer Partei nicht miteinander umgehen", sagt Lay. "Wir mussten Klaus Lederer schützen" – auch vor den eigenen Parteifreunden.

Die Bundestagsabgeordnete Lay ist eine enge Vertraute der Vorsitzenden Katja Kipping und eine ihrer Stellvertreterinnen. Sie und der Großteil des Vorstands hatten die Abgrenzung zu Querfrontlern schon vor zwei Jahren auch offiziell beschlossen. Das haben sie in der jetzigen Eskalation noch mal mit ihrem Antrag wiederholt. Die Sache ist also eigentlich entschieden.

Aber in der Linkspartei sind manche Dinge nie entschieden. Egal, wie viele Beschlüsse es dazu gibt. 18 Jastimmen gab es für Lays Antrag im Vorstand, aber auch sieben Neinstimmen und fünf Enthaltungen. Und die Unterlegenen ordnen sich nach verlorenen Abstimmungen nicht unter, sie werden sogar in manchen Fällen erst dann richtig laut.

Vorbild Hartz-IV-Demos

Zum Beispiel Andrej Hunko. Der Abgeordnete sitzt auch im Parteivorstand, stimmte wie einige andere gegen den Vorschlag von Lay und veröffentlichte 48 Stunden später eine "Persönliche Erklärung", in der er zum Vorstandsbeschluss schreibt, er fühle sich "nicht daran gebunden".

Wenn man Hunko in seinem Abgeordnetenbüro besucht, um ihn zu fragen, wie eine Partei funktionieren soll, in der sich selbst Vorstandsmitglieder nicht an Beschlüsse des eigenen Gremiums halten wollen, dann lächelt er und sagt: "Normalerweise halte ich mich auch an Beschlüsse. Aber das hier war für mich eine Gewissensfrage."

"Abtropfen lassen"

Dann erzählt er eine Geschichte aus dem Jahr 2004. Damals entstanden auch in Aachen die Demonstrationen gegen Hartz IV, Hunko war einer der Organisatoren. Die rasant wachsenden Kundgebungen zogen auch einige "komische Figuren" an, wie Hunko sagt. Diese eine Frau zu Beispiel, die immer mit einem Schild "Wir sind das Volk" zu den Protesten kam und in Hunkos Erinnerung "inhaltlich irgendwo zwischen NPD und WASG (später Teil der Linkspartei, Anm. d. Red.) schwankte". Der Linke Hunko überlegte: Wie umgehen mit der Frau? Er entschied sich dafür, sie einfach weiter mitlaufen zu lassen. Und irgendwann, als die Linken und die alten Gewerkschafter in der Überzahl waren, war die NPD-Sympathisantin so marginalisiert, dass sie von allein fernblieb. "Wir haben sie abtropfen lassen", freut sich Hunko. 

Das, so seine Botschaft, hätte er sich auch von seiner Partei und den Linken überhaupt gewünscht: In diesem Teil der Friedensbewegung um linke Positionen werben, die Mahnwachen und Demos kapern, die als Reaktion auf den Krieg in der Ukraine entstanden, statt sie mit Unvereinbarkeitsbeschlüssen zu belegen. Damit die Linken dominieren und rechte Spinner abtropfen.

Ken Jebsen läuft allerdings nicht mit einem kleinen Plakat und einer unklaren Meinung durch Aachen, sondern mit großer Gefolgschaft und klarer Programmatik durchs Internet. Und eine Preisverleihung zu seinen Ehren ist keine bunt gemischte Demo aus der Frühphase der Hartz-IV-Proteste. "Ich bin ja auch nicht in allem einer Meinung mit Jebsen und finde manches sehr befremdlich", beteuert Hunko deshalb, "aber ich wehre mich gegen diese Verurteilungen und Verbote im Vorstandsbeschluss."

Was wollen die Wähler?

"Wenn wir glaubwürdig bleiben wollen", sagt hingegen Caren Lay, "müssen wir klar sagen, dass Ken Jebsen und andere aus dieser Ecke keine Bündnispartner für Linke sein können." Sonst drohe die Partei Wähler zu verlieren. Und Kipping versucht eine klare Definition von "Querfront", um deutlich zu machen, wen sie dabeihaben will und wen nicht: Querfrontler, sagt sie, "vermischen den linken, emanzipatorischen Kampf von Unten gegen Oben mit dem rechten, ethnischen Kampf von Innen gegen Außen."

Allerdings warnt auch Andrej Hunko vor dem Verlust von Wählerstimmen, nur aus der entgegengesetzten Richtung. Er zitiert eine Studie, nach der knapp 43 Prozent der Teilnehmer der Berliner Montagsmahnwachen, einer Veranstaltung unter Querfront-Verdacht im Jahr 2014, die Linkspartei gewählt haben. Die Leute, mit denen Kipping, Lay und die Mehrheit des Vorstands nichts zu tun haben wollen: Es waren oder sind auch Anhänger ihrer eigenen Partei.

Die Querfront ist keine äußere Bedrohung für die Linken, sondern reicht weit in sie hinein. Sie ist ein Teil von ihr. Auch führende Linken-Politiker wie Sahra Wagenknecht wurden im Wahlkampf kritisiert für flüchtlingskritische Parolen, wie sie bei Rechten populär sind. Ken Jebsen übrigens, an dem sich der Linken-Streit diesmal entzündet hat, ruft dazu auf, gar nicht wählen zu gehen.

In anderen Parteien wären Menschen wie Dehm oder Gehrcke womöglich längst ausgeschlossen worden, zumindest aber zur Ordnung gerufen oder, wenn das nicht hilft, schleunigst an den Rand gedrängt. Nicht so bei den Linken. "Parteiausschluss ist keine Option", sagt die Vorsitzende Kipping kategorisch. Das widerspräche dem pluralistischen Anspruch der Partei. "Wir entscheiden solche Konflikte lieber in der Sache, wie jetzt mit dem Vorstandsbeschluss", sagt sie.

Was nun? Diether Dehm, der in der Linksfraktion durchaus eine wichtige Rolle einnimmt, verkündet, er habe an der Preisverleihung eh nie teilnehmen wollen, aber empfinde den Vorstandsbeschluss als "stalinistische Geheimverurteilung". Ein Gespräch mit ZEIT ONLINE lehnt er ab. Oskar Lafontaine mischt per Facebook-Eintrag mit und fragt rhetorisch: "Wen hat Ken Jebsen umgebracht? Wenn Henry Kissinger, George W. Bush, Barack Obama oder Hillary Clinton, die für Millionen Tote verantwortlich sind, im Kino Babylon in Berlin einen Preis verliehen bekämen, würde dann der Kultursenator Klaus Lederer intervenieren, um diese Preisverleihung zu verhindern?"

Lederer selbst bleibt ruhig und lässt sich lieber in einer Ausstellung über die jüdische Arbeiterbewegung fotografieren. Wolfgang Gehrcke hat sich auch mit dem Thema auseinandergesetzt, allerdings kommt er zu einem ganz anderen Ergebnis. Ein von ihm verfasstes Buch beschäftigt sich mit der "Antisemitismus-Kampagne gegen links". Der Titel: Rufmord.   

Die Parteivorsitzende Katja Kipping kann von ihrem Schreibtisch aus den halben Rosa-Luxemburg-Platz überblicken. An diesem Donnerstagnachmittag aber, wenn ihre Gegner vor ihrem Fenster gegen sie demonstrieren, wird sie nicht da sein. Termine außerhalb.