Dass jemand um sein Amt nicht zu beneiden ist – das wird immer schnell geschrieben, stimmt häufig aber natürlich nicht. Am Ende sind die meisten Menschen um ihre Ämter schließlich doch zu beneiden. Denn Ämter bringen Glanz, Macht und Anerkennung. Es gibt jedoch diese Ämter, da weiß man gleich: Uff, das wird hart! Das Amt des sächsischen Ministerpräsidenten ist so eines.

Michael Kretschmer, 42, wurde am Mittwoch im Dresdner Landtag in dieses Amt gewählt. Und CDU-Regierungschef dieses Bundeslands zu sein, das ist aus gleich mehreren Gründen nichts, das zu allzu großem Neid anhält.

Denn Kretschmer steht vor Aufgaben, die selbst einem hochtalentierten Politiker wie ihm größere Probleme bereiten dürften. Und deshalb sah er auch schon recht angespannt aus, als er nach der Wahl gefragt wurde, was ihn in den kommenden Wochen und Monaten erwarte. Er spüre die Last der Verantwortung, antwortete er.

Drei Probleme deuten daraufhin, dass es für Kretschmer ziemlich knifflig werden dürfte. Das erste ist die AfD: Zur Bundestagswahl ist die Partei in Sachsen stärkste Kraft geworden. Kretschmer muss es irgendwie schaffen, einen Teil der Unzufriedenen wieder zu Wählern seiner CDU zu machen. Er hat dafür, und das ist Problem zwei, allerdings nur anderthalb Jahre Zeit – im Sommer 2019 wählt Sachsen einen neuen Landtag. Dabei steht Kretschmer, Problem drei, vor einer persönlichen Herausforderung: Wie gewinnt er Wähler von der AfD zurück, ohne dabei selbst zum Populisten zu werden? Um Sachsens Image steht es, gelinde gesagt, nicht allzu gut. Trifft Kretschmer die Sprache der Wütenden nicht, kommt er in Sachsen nicht an. Redet er ihnen zu sehr nach dem Mund, bekommt er Ärger aus ganz Deutschland.

Dass Kretschmer es nun geschafft hat, seine Wahl im Landtag recht reibungslos über die Bühne zu bringen, könnte aber zumindest ein erstes Zeichen dafür sein, dass er seine Sache geschickt angeht. Sachsens CDU, seit der Bundestagswahl eine völlig verunsicherte Partei, beruhigte er vorläufig, indem er schonungslos auch über Versäumnisse der letzten Jahre redete. Bei der Wahl zum Landesparteichef am vergangenen Wochenende wurde er dafür mit einem 90-Prozent-Ergebnis belohnt. Den Koalitionspartner SPD gewann er wiederum mit dem Argument für sich, eine neue politische Kultur im Freistaat etablieren zu wollen.

Der Mann, der gern streitet

Denn Kretschmer beherrscht eine Kunst, die man in Sachsen in den vergangenen Jahren schmerzlich vermissen musste: Er hat Lust am Streit und echtes Interesse an Debatten, das würdigen sogar politische Gegner. Darin unterscheidet Kretschmer sich nahezu vollständig von seinem Vorgänger Stanislaw Tillich: Tillich scheute öffentlich ausgetragene Diskussionen, er ging Konflikten aus dem Weg, zu Pegida und AfD fand er nie einen Zugang (geschweige denn eine Position), die neue Wut der Sachsen überforderte ihn und traf ihn unerwartet. Letztlich hat ihn das Ohnmachtsgefühl, dagegen nicht mehr anzukommen, zum Rücktritt gezwungen. Dass er Kretschmer als Nachfolger vorschlug, lag auch daran, dass er ihm zutraute, es besser zu machen.

Kretschmer ist tatsächlich anders: Er gehört jener Generation junger ostdeutscher Politiker an, die vom Aufbruch nach 1990 politisiert wurden – Mecklenburg-Vorpommerns SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig, die Ähnliches von sich berichtet, ist zum Beispiel nur ein Jahr älter als er. Als Generalsekretär der sächsischen CDU erlernte Kretschmer seit 2005 die gepflegte politische Rauferei, als Bundestagsabgeordneter für Görlitz vernetzte er sich deutschlandweit in der Union und darüber hinaus.

Nicht wenige vergleichen Kretschmer mit Finanzstaatssekretär Jens Spahn (CDU). Die beiden haben nicht nur gemeinsam, dass sie 2002 in den Bundestag einzogen und einander persönlich schätzen. Sondern auch, dass sie auf ähnliche Weise politisch zuspitzen können und rhetorisches Talent mitbringen.