Zehn Wochen nach der Bundestagswahl und zehn Tage nach dem Scheitern der Sondierungsgespräche wäre eine Neuauflage der großen Koalition für die Union das geringste Übel. Doch die Genossen sehen sich nicht unter Zeitdruck. "Keiner darf erwarten, dass das schnell geht", sagte der frühere SPD-Chef und geschäftsführende Außenminister Sigmar Gabriel im ZDF mit Blick auf mögliche Sondierungen. Die Union forderte er auf, jetzt zu zeigen, "was sie denn will".

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hatte am Abend mehr als zwei Stunden lang mit Kanzlerin Angela Merkel, dem SPD-Vorsitzenden Martin Schulz und CSU-Chef Horst Seehofer gesprochen. Über Inhalte wurde zunächst Stillschweigen vereinbart. Die Vorsitzenden wollen zunächst ihre Parteigremien informieren und intern über Möglichkeiten für eine Neuauflage der großen Koalition sprechen. 

Auch SPD-Vize Olaf Scholz betonte, seine Partei werde sich Zeit lassen. Deutschland habe eine geschäftsführende Regierung, sagte Hamburgs Erster Bürgermeister in der ZDF-Talkshow Maybrit Illner. "Die Frage, was zu tun ist, kann deshalb auch sehr sorgfältig hin und her gewogen werden." Die Situation  müsse "gelassen und mit kühlem Kopf" besprochen werden. 

Die SPD hatte sich nach ihren dramatischen Verlusten bei der Bundestagswahl zunächst auf die Oppositionsrolle festgelegt. SPD-Chef Martin Schulz muss nun in den eigenen Reihen ausloten, inwieweit auch andere Optionen möglich sind: eine Neuauflage der großen Koalition oder eine Duldung einer CDU/CSU-Minderheitsregierung. Nach wie vor sei alles offen, sagte er wiederholt.

CDU drängt zur Eile

Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) plädierte unterdessen für ein zügiges Vorgehen. Man sollte "die Ungewissheit von Koalitionsverhandlungen, die sich über Wochen hinziehen", nicht durch Mitgliederbefragungen verlängern, sagte Altmaier. Dennoch müsse man das Vorgehen der SPD akzeptieren. Je schneller Sondierungen und Koalitionsverhandlungen beendet werden könnten, "desto früher werden wir an die Arbeit gehen können", sagte der CDU-Minister mit Blick auf eine Neuauflage der großen Koalition. Vor dem Forderungskatalog der Sozialdemokraten habe die Union keine Angst, so Altmaier.

Auch der parlamentarische Geschäftsführer der Union im Bundestag, Michael Grosse-Brömer (CDU), drängt zur Eile. CDU/CSU und SPD sollten "jetzt möglichst rasch" Koalitionsverhandlungen aufnehmen, schrieb er in einem Gastbeitrag für die Oldenburger Nordwest-Zeitung. "Denn Politiker und Parteien werden gewählt, um zu gestalten, und nicht, um sich mit sich selbst zu beschäftigen."

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Christian von Stetten, Vorsitzender des Parlamentskreises Mittelstand, verwies dagegen auf die Alternative einer Minderheitsregierung. Große Koalitionen müssten die Ausnahme sein und dürften nur geschlossen werden, wenn sie große Reformprojekte anpacken. Eine Minderheitsregierung wäre zwar kein Projekt für vier Jahre, sagte er. "Sie wäre jedoch eine zeitlich befristete Alternative zum drohenden Stillstand und programmatischen Rückschritt innerhalb einer großen Koalition, welche selber keine eigene Mehrheit im Bundesrat hätte", sagte er der Heilbronner Stimme. Deutschland habe damit bisher keine Erfahrung. "Aber wir leben auch in besonderen Zeiten, welche mutige Entscheidungen verlangen."

Fischer: kein Minderheitsregierungs-"Schnickschnack"

Der frühere grüne Vizekanzler Joschka Fischer lehnt eine Minderheitsregierung für Deutschland vehement ab. "Deutschland kann man nicht wie in einem Probierstübchen regieren", sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Deutschland sei für "derlei Schnickschnack" zu wichtig und dürfe Europa nicht in eine Unberechenbarkeit stürzen.

Auch Merkel will eine Minderheitsregierung – und eine Neuwahl – unbedingt vermeiden, auch, um ihren innerparteilichen Kritikern keine neue Nahrung zu geben.

Lindner spricht sich für Groko aus

FDP-Chef Christian Lindner hält eine große Koalition für besser als das Jamaika-Bündnis, das er platzen ließ. "In jedem Fall wäre eine große Koalition stabiler und günstiger als Jamaika", sagte Lindner der Rheinischen Post. Die Union habe den Grünen viele Zugeständnisse gemacht, die teuer und gefährlich gewesen seien. Zugleich warnte der FDP-Chef die Union vor zu vielen Zugeständnissen an die SPD: "Die SPD verlangt hohe Preise. Die Union darf sich nicht erpressen lassen, sondern sollte notfalls eine Minderheitsregierung in Erwägung ziehen."

Die Linke kann nach den Worten ihrer Parteivorsitzenden Katja Kipping profitieren, wenn die SPD die große Koalition mit der Union fortsetzen sollte. Eine SPD im Korsett der großen Koalition "macht einen Platz frei, den die Linke von links besetzen sollte", sagte Kipping der Deutschen Presse-Agentur. Sie fügte hinzu: "Wir bieten denen eine politische Heimat, die die Groko-Politik der sozialen Verunsicherung korrigiert sehen wollen."

Der Vorsitzende der AfD im Bundestag, Alexander Gauland, riet seiner Partei, nicht voreilig an die Macht zu streben. Der Tag für die Übernahme von Regierungsverantwortung werde zwar kommen. "Das können wir aber erst, wenn wir auf Augenhöhe mit den anderen Parteien sind, wie unsere österreichischen Partner von der FPÖ", sagte er der Passauer Neuen Presse.

Jeder zweite Deutsche rechnet mit einer dritten Groko

Die Zustimmung für eine Neuauflage der großen Koalition ist gering: Laut einer INSA-Umfrage für Bild wünschen sich dies nur 22 Prozent der Deutschen. Allerdings rechnet fast die Hälfte der Befragten damit, dass es ein drittes Mal dazu kommt. Knapp ein Drittel der Deutschen wünscht sich Neuwahlen, aber nur jeder Fünfte rechnet damit. Die beliebteste Variante der Minderheitsregierung ist ein Bündnis von Union und Grünen, mit dem 14 Prozent der Deutschen zufrieden wären.