Die in der SPD diskutierte Idee einer offenen Regierungskoalition stößt in der Union auf Ablehnung. "Ich halte nichts von Halbabsprachen mit der SPD", sagte die stellvertretende CDU-Vorsitzende Julia Klöckner der Neuen Osnabrücker Zeitung. Der Vorschlag erinnere ihn an eine Krabbelgruppe, sagte CSU-Chef Horst Seehofer. Er halte nichts davon. "Man kann nicht zum Teil regieren und zum anderen Teil opponieren. Das geht nicht."

SPD-Chef Martin Schulz hatte das Modell einer Kooperationskoalition am Montag als eine Möglichkeit neben einer großen Koalition, einer Minderheitsregierung oder Neuwahlen vorgestellt. Es würde bedeuten, dass sich Union und SPD nur über einige Projekte verständigen und andere Vorhaben ohne Koalitionszwang im Bundestag beraten werden. In der SPD herrscht die Hoffnung, dass dies der Partei mehr Spielraum geben würde, um trotz der Beteiligung an einer Regierung Profil zu entwickeln. Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) unterstützt die Idee, dagegen lehnt Jusos-Chef Kevin Kühnert das Modell ab.

Klöckner sagte, die meisten Probleme würden sich im Laufe einer Legislaturperiode ergeben und ließen sich nicht vorher in fünf großen Punkten festhalten. Sie wiederholte die Forderung von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nach einer stabilen Regierung. Die Botschaft der CDU in Richtung Sozialdemokraten sei eindeutig: "Entweder man will regieren oder man will nicht." CDU-Chefin Angela Merkel hatte die Idee der Kooperationskoalition laut Teilnehmerangaben bereits am Montag in Präsidium und Vorstand ihrer Partei abgelehnt.

Hessens Ministerpräsident und CDU-Vize Volker Bouffier kritisierte die Sozialdemokraten: "Das Problem der SPD ist: Die Basis traut der Führung nicht, und die Führung traut sich nichts zu", sagte er der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. "Wir können ja nicht die Therapiegruppe für die SPD abgeben." 

Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch sagte der Tageszeitung Die Welt: "Das neueste Kasperletheater der beiden Möchtegern-Verbündeten ist diese KoKo-Idee. Mal schauen, was ihnen nächste Woche Lustiges einfällt." SPD und Union sollten sich zusammensetzen, zügig gemeinsame politische Ziele definieren, entscheiden "und so lange den Bundestag seine Arbeit machen lassen".

Der Verein Mehr Demokratie befürwortet die Idee einer offenen Regierungskoalition: "Ein Koalitionsvertrag, der nur bestimmte Projekte festschreibt und bewusst Raum lässt für aktuelle Entwicklungen, ist eine Perspektive in der festgefahrenen Koalitionsdebatte", sagte Vorstandssprecherin Claudine Nierth. Eine offenere Zusammenarbeit der Parteien stärke die Parlamente, "weil wieder echte Debatten geführt werden".

Sondierungen zwischen SPD und CDU beginnen

Rund 80 Tage nach der Bundestagswahl startet am Mittwoch mit einem Spitzengespräch von Union und SPD der zweite Anlauf für eine Regierungsbildung in Deutschland. Nach den gescheiterten Jamaika-Verhandlungen von CDU/CSU, FDP und Grünen wollen die Partei- und Fraktionschefs ausloten, ob eine erneute große Koalition möglich sein kann. Es wird nicht mit einer Regierung vor März 2018 gerechnet. 

CDU/CSU (32,9 Prozent) und SPD (20,5 Prozent) hatten bei der Bundestagswahl im vergangenen September jeweils ihr schlechtestes Ergebnis seit 1949 eingefahren. Scheitern die Sondierungsgespräche oder sagen die rund 440.000 SPD-Mitglieder in einem geplanten Mitgliederentscheid am Ende Nein, kommt es voraussichtlich zu Neuwahlen. Noch nie hat eine Regierungsbildung im Bund so lange gedauert.