Als der promovierte Philosoph und Schriftsteller Robert Habeck vor fünf Jahren Umwelt-, Landwirtschafts- und Energiewendeminister in Schleswig-Holstein wurde, fuhr er mit Fischern aufs Meer. Er redete mit ihnen und trank mit ihnen Rum, bis sie kapiert hatten, dass dieser freundliche Mann mit Dreitagebart und Lederjacke nicht nur eine Menge verträgt. Sondern dass er als Grüner auch ihre Probleme versteht.

Aber er sprach mit ihnen auch Klartext: "Wenn ihr eure Fische weiter verkaufen wollt, müsst ihr auf die Tierschützer zugehen. Denn die Verbraucher sind sehr kritisch geworden." So erzählte Habeck es hinterher. Genauso habe er mit den Tier- und Umweltschützern: Ich teile eure Anliegen, habe er ihnen zu verstehen gegeben. Aber ihr müsst auch die Seite der Bauern und Fischer sehen. Schließlich bin ich auch deren Minister.

Das ist die Methode Habeck: hart in der Sache, mit klaren Positionen, aber immer um Ausgleich bemüht und kompromissbereit, wenn es um den Weg geht, ein Ziel zu erreichen. Mit dieser Methode ist der 48-Jährige in dem strukturkonservativen Küstenland zum beliebtesten Politiker und zum allseitigen Hoffnungsträger der Partei geworden: Zuerst war er Multiminister in einer rot-grünen Küstenkoalition mit dem Südschleswigschen Wählerverband SSW, der Vertretung der dänischen Minderheit, jetzt arbeitet er in gleicher Funktion, erweitert noch um das Ressort Digitalisierung, in einer Jamaika-Koalition mit CDU und FDP.

Er hat die Landespartei zu drei Wahlerfolgen geführt und im Mai zum zweitbesten Wahlergebnis im Vergleich der Bundesländer, nach Baden-Württemberg. Er hat durchgesetzt, dass er die Energiewende und Ökologisierung der Landwirtschaft auch unter Schwarz-Grün-Gelb fortsetzen kann und dass die humanitäre Flüchtlingspolitik im Norden bleibt. Viel mehr geht kaum.

Zwei schmerzhafte Niederlagen

Zweimal hat der eloquente Wirbelwind, der mit seiner Frau, mit der er Kinderbücher und fünf Romane geschrieben hat, und vier Söhnen in der Nähe von Flensburg lebt, in diesem Jahr allerdings auch empfindliche Niederlagen einstecken müssen: Im Januar kürte die Grünen-Basis nicht ihn, sondern den scheidenden Parteivorsitzenden Cem Özdemir, den er jetzt beerben will, zum männlichen Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl. Habeck verlor nur knapp. Das habe ganz schön an ihm genagt, räumte er später ein. Aber er ist keiner, der sich von so etwas dauerhaft unterkriegen lässt.

Nach der Bundestagswahl ging sein Ziel nicht auf, mithilfe seiner Erfahrungen auch in Berlin ein Jamaika-Bündnis zu schmieden. Er musste einsehen, dass die Schwierigkeiten, die vier sehr unterschiedlichen Parteien zusammenzuführen, auf Bundesebene doch wesentlich größer waren als in seinem kleinen Land, wo es zudem keine CSU gibt.

Die Grünen stehen nun zwar als Sieger der Berliner Jamaika-Gespräche da – aber dennoch mit leeren Händen. Wie es aussieht, werden sie wohl für weitere vier Jahre in der Opposition bleiben, erneut als kleinste von jetzt sechs Fraktionen im Bundestag, wenn es nicht Neuwahlen gibt. Sie haben geringe Chancen, sich Gehör zu verschaffen gegen eine mögliche neue große Koalition und neben der AfD und der FDP, die ebenfalls ziemlich populistisch unterwegs ist.

Habeck verspricht dennoch, der Partei ein geschärftes Profil zu geben – als Koalitionspartner im Wartestand, mit einem "durchgedachten Veränderungsprogramm", wie er es nennt. Als ersten Schritt dahin will er den überholten Flügeldualismus von Linken und Realos beseitigen. Zu häufig, sagt er, habe die Partei in der Vergangenheit das Bild eines zerstrittenen Haufens abgegeben. Deshalb kandidiere er auf dem Parteitag Ende Januar als Vorsitzender "für die gesamte Partei – unabhängig von Flügeln".

Robert Habeck - Müssen die Grünen wieder linker werden? In einer Jamaika-Koalition müssen sich die Grünen als linke Partei positionieren, findet der Kieler Abgeordnete Robert Habeck. Warum es dennoch richtig war, zwei gemäßigte Spitzenkandidaten aufzustellen, erklärt er im Videointerview. © Foto: Ana-Marija Bilandzija für ZEIT ONLINE