Auf dem Parteitag der SPD in Berlin hat sich Sigmar Gabriel lange zurückgehalten. Er ist nicht mehr Vorsitzender der deutschen Sozialdemokratie und Gabriel kennt den Vorwurf, dass er nicht loslassen könne. Dass er notorisch dazwischenfunke. 

Also war vom Ex-Chef der SPD im emotionalen Streit über das Für und Wider einer möglichen neuen großen Koalition anderthalb Tage lang kein Wort zu hören.

Am Freitagabend dann aber, als die Konzentration vieler Delegierten bereits nachgelassen hatte, zog es den deutschen Außenminister doch noch ans Mikrofon. In der Diskussion im Tagungssaal ging es gerade um das Thema Flüchtlingspolitik, insbesondere den Familiennachzug. Manche Parteitagsdelegierte waren der Ansicht, dass sich die SPD hier vehement gegen einen Rechtsruck der Union stellen müsse. 

"Ich weiß, das gefällt euch jetzt nicht"

Das war Gabriel dann doch zu romantisch. Niemand zweifele das Recht auf Asyl an und der Familiennachzug müsse wieder erlaubt werden, schmetterte der Bundesaußenminister den Delegierten entgegen. Zu Ehrlichkeit gehöre aber auch, dass die SPD sich der Frage stellen müsse, wie groß "eigentlich unsere Aufnahmefähigkeit ist". Die Sorgen der Bevölkerung beim Thema Zuwanderung reiche schließlich tief in die eigene Wählerschaft hinein. "Ich weiß, das gefällt euch jetzt nicht", schnodderte Gabriel noch den eher spärlich applaudierenden SPD-Funktionären zu. Aber so sei es eben. 

Es war ein typischer Gabriel-Auftritt. Der Mann traf einen Nerv, und er machte sich unbeliebt zugleich. Der langjährige Vorsitzende und seine Partei, das bleibt eine schwierige Sache.

Viele Sozialdemokraten rollen inzwischen die Augen, wenn Gabriels Name nur fällt. Legendär sind die Geschichten seiner Volten, seiner Sprunghaftigkeit, von den innerparteilich kontroversen Positionen, die er zum Beispiel in der Flüchtlingskrise immer wieder einnimmt. Es gibt nicht wenige in der SPD, die ihm vorwerfen, der eigentliche Verursacher der historischen Wahlniederlage am 24. September zu sein – er habe die SPD demotiviert und verunsichert, sein Nachfolger Martin Schulz habe da nicht mehr viel retten können. 

Genial umstritten

Doch in der SPD wissen sie eben auch, was sie an Gabriel haben. Niemand kann so gut reden wie der ehemalige Parteichef. Seit dem schlechten Abschneiden der SPD bei der Bundestagswahl sprach Gabriel das Thema mehrfach an. Etwa als er in einer Sitzung der SPD-Bundestagsfraktion anmerkte, im Moment werde in der Partei mehr "gesammelt als geführt" – was eine Spitze gegen den integrierenden Stil von Martin Schulz war. Was aber eben auch Gabriel-Gegner so sehen.

Es gibt Weggefährten, die betrachten Gabriel als "genial" – also den Mann, der vor Schulz sieben Jahre lang die von chronischen Selbstzweifeln geplagte SPD führte. Er hat ein Gespür für die Belange vieler Menschen, aber eben auch das Talent, bei schlechter Laune "mit dem Hintern wieder einzureißen", was er sich zuvor strategisch aufgebaut hat. So formuliert es ein Genosse auf dem Parteitag.

Als Paradebeispiel gilt vielen die Wutrede Gabriels gegen die damalige Juso-Vorsitzende Johanna Uekermann auf dem Parteitag 2015 – Stunden später wurde er mit gerade einmal 74 Prozent wieder zum Vorsitzenden gewählt. Was ihn, der damals noch um eine Zukunft als SPD-Kanzlerkandidat kämpfte, tief verletzt hat.

Gabriel hat diese Ambitionen und den Vorsitz der SPD ein Jahr später freiwillig aufgegeben. Wenn nächste Woche die Vorgespräche mit der Union über eine Regierungsbildung beginnen, dann wird er nicht dabei sein. Parteichef Schulz und die neue Fraktionschefin Andrea Nahles vertreten die SPD. Es ist viel von personeller Erneuerung die Rede in der Partei. Und somit treibt die SPD momentan die Frage um, was wohl angesichts der personellen Verschiebungen aus Sigmar Gabriel wird. Auch auf dem Parteitag war das Thema zahlreicher Gespräche unter Genossen.