Gabriel hat seit seinem Wechsel ins Außenministerium nach allgemeiner Lesart an Statur gewonnen. Ein Teil davon ist sicher der Amtsbonus, den alle Außenminister verbuchen können. Doch sein neuer Job, das Jetten zwischen Kutupalong, Washington und Paris, macht Gabriel sichtlich Spaß. Er hat auch seine Kritiker Lügen gestraft, die ihm fehlende Sensibilität unterstellten. Denn er beherrscht die Kunst der Diplomatie: Gabriel macht international und in den Fernsehnachrichten ein gutes Bild. Beim jüngsten ARD-Deutschlandtrend, der zum SPD-Parteitag erschien, wurde er von den befragten Bürgern zum beliebtesten Politiker in ganz Deutschland ausgerufen – ausgerechnet Gabriel, der vor einem Jahr noch auf dem Beliebtheitstreppchen ganz unten stand. Weswegen er Schulz am Ende den Vortritt bei der Kanzlerkandidatur ließ.

Der Außenminister gilt inzwischen als Befürworter einer dritten großen Koalition unter Angela Merkel. Er kann gut mit der Kanzlerin. Außerdem könnte er so Minister bleiben – während seine politische Karriere in der Opposition beendet gewesen wäre. Nach Informationen des Spiegel hat er in der Partei gestreut, Finanzminister werden zu wollen. Das dementiert Gabriel als falsch: Noch sei unklar, was die Gespräche mit der Union ergäben, sagt er.

Man beteuert, Gabriel werde keine Rolle mehr spielen

Aber viele Sozialdemokraten erinnern sich eben auch an den recht offensiven Gabriel-Satz von vor ein paar Tagen: Seine Partei brauche keine Angst vorm Regieren haben. Die große Koalition sei nicht der Grund der Wahlniederlage der SPD gewesen. Viele Genossen sehen das anders.

Im Verborgenen ist bei der SPD natürlich längst ein Machtkampf im Gange. Es gibt Angehörige in der Parteispitze, die beteuern, dass Gabriel in einem etwaigen neuen Kabinett Merkel keine Rolle mehr spielen werde. Und an der Basis finden viele Sozialdemokraten, dass die SPD – sollte sie wirklich in eine große Koalition gehen – mit komplett neuen Gesichtern ins Kabinett einziehen, also alle bisherigen Minister austauschen müsse. 

Das wäre das Ende von Gabriels Karriere. Darüber entscheiden muss Martin Schulz, der sich als Freund Gabriels bezeichnet, aber im Wahlkampf mehrfach über dessen Indiskretionen und Alleingänge stöhnte. Sollten Gespräche mit der Union wirklich erfolgreich sein, würde Schulz selbst überlegen müssen, ob er Minister wird – er hat das nämlich nach der Wahl noch ausgeschlossen. Wenn er sich für den Vizekanzlerposten entscheiden würde, würde er wohl am ehesten das Außenressort beanspruchen – das aber im Moment noch Gabriel führt. Auch die neue Fraktionsvorsitzende Andrea Nahles würde bei der Besetzung von Ministerposten mitreden. Sie gilt nicht als Fan von Gabriel. 

Doch wird sich der immer noch gut vernetzte Gabriel wirklich wegschieben lassen? Am Samstagmorgen, der Parteitag der SPD lief noch, gab der Minister dann auch noch ein Radiointerview. Er lachte den Spiegel-Bericht weg und die Frage, ob er eine neue große Koalition wolle. 

Dann kam der entscheidende Satz: "Die Frage ist doch", sagte Gabriel: "Was müssen wir tun, dass es in unserem Land und in Europa künftig stabil bleibt, dass wir wirtschaftlich erfolgreich sind und so auch für sozialen Zusammenhalt sorgen können." Gabriel wurde nicht gefragt. Aber er hätte sicher ein paar Ideen.