Wenn am heutigen Mittwoch die Gespräche über die Möglichkeit einer neuen große Koalition beginnen, scheint eines schon klar: Dieses Bündnis wird – selbst wenn es zustande kommen sollte – ein Imageproblem haben. In den Medien wurde es bereits als "Koalition der Verlierer" geschmäht. Die Opposition erwartet weitere Jahre des politischen Stillstands. Eine neue große Koalition werde die Parteien am rechten und linken Rand des politischen Spektrums weiter stärken, lautet eine weitere verbreitete Sorge. Und in der SPD befürchten nicht wenige den endgültigen Niedergang ihrer Partei. Positive Assoziationen weckt die Aussicht auf vier weitere schwarz-rote Regierungsjahre dagegen kaum.

Doch ist das eigentlich fair? Haben die beiden vergangenen großen Koalitionen uns tatsächlich so schlecht regiert? Und ginge es Deutschland mit einer linken oder rechten Lagerkoalition wirklich besser?

Richtig ist: Natürlich können Koalitionen, deren Partner einem gemeinsamen politischen Lager angehören, das Land radikaler in die eine oder andere Richtung verändern, als dies einem Bündnis aus Union und SPD möglich ist. Große Koalitionen tendieren per se stärker zum Ausgleich gegensätzlicher Interessen.

Ziemlich fleißig

Aber muss das gleichbedeutend mit Stillstand sein? Die mit Abstand fleißigste Koalition in der gesamten Geschichte der Republik war jedenfalls die erste große Koalition unter Angela Merkel. Sie brachte es auf 616 verabschiedete Gesetze, so viele wie kein anderes Regierungsbündnis. Die zweite von Merkel geführte große Koalition liegt in der Gesamtstatistik immerhin auf Platz drei.

Das allein sagt natürlich noch nichts. Doch auch in programmatischer Hinsicht haben beide große Koalitionen einiges geleistet. Die derzeit noch geschäftsführend amtierende Regierung hat beispielsweise einen bundeseinheitlichen Mindestlohn eingeführt, Aufsichtsräten eine Frauenquote verordnet oder den Pflegebegriff reformiert. Ein Projekt, an dem die schwarz-gelbe Vorgängerregierung noch gescheitert war. Sie hat die Bund-Länder-Finanzbeziehungen auf eine neue Grundlage gestellt und umfangreiche Investitionsprogramme sowohl für Bildung und Forschung als auch für eine moderne Infrastruktur aufgelegt, um nur einiges zu nennen. Und das alles, ohne neue Schulden zu machen oder die Steuern zu erhöhen.

Auch die erste große Koalition unter Angela Merkel hat einige Reformen umgesetzt, die das Land verändert haben und weiter verändern werden. So wurde beispielsweise das Renteneintrittsalter auf 67 Jahre angehoben. Eine Maßnahme, die sich weder Union noch SPD alleine wohl getraut hätten. In der Familienpolitik setzte sie mit Elterngeld und Kitaausbau neue Akzente. Außerdem schrieb sie eine Schuldenbremse ins Grundgesetz und setzte sowohl eine Gesundheits- und als auch eine Föderalismusreform um. Beides war hoch umstritten, aber Stillstand? Eher nicht.

Bündnis für Krisenzeiten

Nicht zuletzt aber waren die beiden vergangenen großen Koalitionen mit zahlreichen internationalen Herausforderungen  – von der Finanz- über die Euro- bis zur Flüchtlingskrise – konfrontiert, die sie in vielfältiger Weise zum Handeln zwangen. Während die erste große Koalition sich bemühte, mit Konjunkturprogrammen die Folgen der Wirtschaftskrise einzudämmen, musste die letzte unter anderem die Aufnahme von einer knappen Million Flüchtlinge organisieren. Beides gelang – den Umständen entsprechend – gut. 

Die Wahrnehmung, dass große Koalitionen das Land per se nicht voranbringen, wird der Regierungsrealität der vergangenen Jahre also nicht gerecht. Gerade in Krisenzeiten kann sich dieses Bündnis vielmehr als Vorteil erweisen – weil es weniger ideologiegetrieben reagiert, als dies in einer kleinen Koalition der Fall wäre. In den kommenden Jahren könnte das einer großen Koalition zugute kommen, wenn es etwa darum geht, eine neue Grundlage für die europäische Zusammenarbeit zu finden.