Ob Groko, Koko oder die Tolerierung – welches Regierungsmodell die SPD künftig unterstützen will, das hat die Partei noch nicht entschieden. Das immer wieder zu betonen, war Parteichef Martin Schulz am Freitag wichtig. Alle drei Modelle seien für seine Partei in den nun anstehenden Sondierungsgesprächen "gleichrangig" zu prüfen. Man gehe da "ergebnisoffen" rein. Das meine er "sehr ernst".    

Wohl nur wegen dieses Versprechens stimmte der Parteivorstand der SPD geschlossen für offizielle Sondierungsgespräche mit der Union. Denn eine mögliche Neuauflage der großen Koalition ist parteiintern äußerst umstritten. 

Noch vor Weihnachten, am kommenden Mittwoch, soll es nun ein erstes Treffen mit den Vertretern von CDU und CSU geben. Die SPD-Führung hat sich fest vorgenommen, die Sondierungsgespräche ganz anders zu gestalten, als dies noch bei den Jamaika-Gesprächen der Fall gewesen sei. Es werde "keine Balkonbilder" geben, also kein gemeinsames Posieren für die Fotografen vom Balkon der Parlamentarischen Gesellschaft in Berlin, kündigte Schulz an. Oft hatte sich die SPD deswegen in den vergangenen Wochen über Union, FDP und Grüne lustig gemacht. "Alle Beteiligten kreisen mit großer Eitelkeit nur um sich selbst und inszenieren ein unwürdiges Schauspiel zwischen royalen Balkonbildern und angeblichem Streit", lautete noch im November ein typisches Schulz-Zitat über die Jamaika-Sondierung.

Keine öffentlichen Lästereien mehr?

In Abgrenzung zur ersten gescheiterten Runde will die SPD daher auch erreichen, dass das Twittern aus den Arbeitsgruppen, in denen Fachpolitiker beider Seiten über Themen diskutieren, unterbleibt. Auch einige Jamaika-Gesprächsteilnehmer räumen inzwischen ein, das habe vor allem der Eigenprofilierung gedient, bereits erzielte Kompromisse kaputt gemacht und am Ende das brüchige Vertrauen ineinander zerstört.

Für die Gespräche mit der Union wünsche er sich "Diskretionsregeln", sagte Schulz daher. Er habe erfreut festgestellt, dass aus dem vertraulichen Gespräch mit den Partei-und Fraktionschefs der Union am Mittwoch dieses Mal nichts herausgedrungen sei. Nach dem Treffen von Merkel, Schulz und CSU-Chef Horst Seehofer beim Bundespräsidenten hatte die Bild-Zeitung ohne Angaben von Quellen vermeldet, die SPD sei längst auf eine große Koalition eingestellt, was Schulz empört zurückwies. Er beschuldigte damals öffentlich Unionspolitiker, sie hätten bewusst Falschnachrichten gestreut.

Zu den selbst auferlegten Regeln gehört auch, dass Schulz sich Kommentare und spitze Bemerkungen zum zeitgleich in Bayern stattfindenden CSU-Parteitag verkniff. Obwohl am Morgen mit Markus Söder und Alexander Dobrindt gleich zwei CSU-Spitzenpolitiker die von der SPD angestrebte Bürgerversicherung als "Mottenkiste" und "Ladenhüter" bezeichnet hatten. In der SPD-Führung hatten diese Äußerungen Zweifel aufkommen lassen, ob man mit den "Sprücheklopfern" wirklich vertrauensvoll die heikle Operation Sondierungsgespräche angehen könne – Schulz lächelte das aber in seiner Pressekonferenz weg. Erst mal jedenfalls.

Wichtiger ist ihm und der SPD-Führung erst mal das zweite Unterziel der inoffiziellen Operation "Alles anders machen": Die Sondierungsgespräche sollen "zügig und zielorientiert" geführt werden. Man wolle, so ist in der Partei zu hören, im Gegensatz zu den Jamaika-Parteien  "vier Wochen Chaostage" verhindern. Es gehe darum, schnell herauszufinden, ob es mit einer gemeinsamen Regierung klappt – oder eben nicht. 

Schon am nächsten Mittwoch soll der Terminplan festgezurrt werden, außerdem wollen Union und SPD überlegen, welche politischen Themenbereiche man zuerst behandeln will. Ab Anfang Januar soll es dann Sondierungsgespräche geben. In den jeweiligen Lagern müssen sie strategisch vorbereitet werden. Die Weihnachtsferien für Politiker der SPD und wohl auch der Union sind somit radikal gekürzt worden.