Wenn die große Liebe davonläuft, eine Neue oder einen Neuen findet, gibt es eins, was man nicht tun sollte: nachlaufen und sie oder ihn ständig daran erinnern, wie schön es früher war. Es ist sinnlos und nervt. Doch wie die Liebe zurückgewinnen? Sollte es die Chance auf einen zweiten Versuch geben, dann nur, wenn der oder die anderweitig neu Verliebte merkt, dass eine gemeinsame Zukunft besser als die gemeinsame Vergangenheit sein kann.

In der Situation der verloren gegangenen Liebe steckt die SPD seit 2009. Seitdem hadert die Partei mit der Frage, wie man die alte Liebe des Wählers neu entfachen kann. Dabei geht es stets um Vergangenheitsbewältigung: Wie viel Schuld trägt die Agenda 2010? War Gerhard Schröder nun gut oder schlecht? Oder, wie der ehemalige Parteivorsitzende Sigmar Gabriel im Spiegel meint, gibt es gar ein Übermaß an Diversity und muss die Partei alte Begriffe wie Leitkultur aus der Mottenkiste holen?

Dabei ist es genau das, was viele Menschen an der SPD stört. Die permanente Binnenfixierung. Die Beschäftigung mit dem Vergangenen, die Romantisierung des einst Dagewesenen. Denn Letzteres können andere politische Parteien besser, wenn auch klar geprägt durch Ressentiments gegenüber Minderheiten und einer gewissen Zukunftsverweigerung.

Die SPD muss realisieren, dass es den typischen sozialdemokratischen Wähler nicht mehr gibt. Daher kann und darf die SPD nicht wieder dahin inhaltlich zurückkehren, wo sie einmal war. Sie muss dorthin, wohin ihr die Menschen folgen. Das abstrakte Motto "Zeit für Gerechtigkeit", der Wahlkampfslogan 2017, ist wegen der großen Heterogenität der Wählerschaft verkommen zu einem großen "Wünsch dir was" ohne substanzielles Fundament. Es ist unsinnig, diese diverse Wählerschaft in bessere oder schlechtere Zielgruppen zu unterteilen. Sonst gibt die SPD den Anspruch auf, eine Volkspartei zu sein.

Emanzipatorische Errungenschaften wie Gleichstellung sind weder verhandelbar noch teilbar oder graduell einstellbar. Entweder will man diese erreichen oder nicht. Der Anspruch der Sozialdemokratie muss sein, dorthin sowohl die Industriearbeiter und -arbeiterinnen als auch den oder die Start-up-Gründer/in mitzunehmen.

Die Ideen für das 21. Jahrhundert fehlen

Der politische Kurs der Sozialdemokratie der letzten zwanzig Jahre war ein zielloses Zickzack. Vom Schröder-Blair-Papier 1999, der Agenda 2010 und der Abgeltungssteuer von 25 Prozent zum Mindestlohn und Transaktions- und Vermögenssteuer sind es argumentativ weite Wege. Zwischendurch wollte die SPD auch mal zur neuen liberalen Partei werden, während sie gleichzeitig Gesetze schrieb, die Bürgerrechte einschränkten.

Es lässt sich dabei nicht nur kritisieren, dass die Konzepte unvereinbar scheinen. Das Problem ist vielmehr, dass der konzeptionelle Überbau der Sozialdemokratie, fehlt. Ob Mindestlohn, Mietpreisbremse oder Bürgerversicherung – an Instrumenten mangelt es der SPD nicht. Doch Instrumente allein reichen nicht.

Es bedarf einer Idee, einer Vision, wie das 21. Jahrhundert gestaltet nicht nur verwaltet werden soll. Auf die Frage "Wie stellt sich die SPD eine Gesellschaft im 21. Jahrhundert vor?" kann man weder mit "Bürgerversicherung!" antworten noch mit abstrakten Claims wie "Zeit für mehr Gerechtigkeit". Da grüßt fast schon der aus der Harald-Schmidt-Show bekannte Dr. Udo Brömme, gespielt von Ralf Kabelka. Er warb mit dem sinnentleerten Politikerslogan: "Zukunft ist gut für alle".

Die Liebe zur Vergangenheit ist omnipräsent

Es gibt bei vielen Amtsträgern der Partei große Vorbehalte, sich mit den neuen Umständen auseinanderzusetzen. Die Debatte um den klassischen Industriearbeiter fällt leichter als über die Chancen und Risiken der Sharing Economy oder der Künstlichen Intelligenz zu sprechen. Dabei schließt das eine das andere nicht aus. Die SPD muss endlich von einer Partei der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zur Partei der Arbeitenden werden.

Dass ein solches Umdenken lediglich in dem von Andrea Nahles geführten Bundesarbeitsministerium thematisiert wurde, es bislang aber nie eine breite und intensive Debatte innerhalb der (Arbeiter-)Partei gegeben hat, ist ernüchternd. In dem angeblich besten Wahlprogrammen seit Willy Brandt, das im schlechtesten Wahlergebnis seit der Weimarer Republik mündete, sind Zukunftsideen wie das Chancenkonto leider ebenfalls nur Randnotizen.

Von der Arbeiterpartei zur Partei der Arbeitenden!

Die Digitalisierung sorgt für eine massive Umwälzung in allen Lebensbereichen. In der Kommunikation und der Mediennutzung sind wir mittendrin, die Digitalisierung der Arbeit, Wirtschaft und Bildung hat noch nicht einmal wirklich begonnen. Die Frage ist, ob Politik – und die Sozialdemokratie im Speziellen – diese Veränderung gestalten möchte oder ob sie das dem freien Markt überlassen will. Wenn die Zukunftsaussichten der Digitalisierung überhaupt thematisiert werden, dann wird ein dystopisches Bild gemalt: Massenarbeitslosigkeit, Überwachung und mehr Armut. Ob es so weit kommt, liegt auch in den Händen der Politik. Insbesondere die SPD muss eines ihrer politischen Hauptziele, die Teilhabe aller, mit Bezug zur Digitalisierung neu definieren. Sonst wird die Dystopie Wirklichkeit.

Dabei ist die Digitalisierung zwar ein großes Zukunftsthema, aber bei Weitem nicht das einzige: Fragen der Migration, des Miteinanders in einer weiter globalisierten Welt, der Zukunft der Arbeit (Arbeitszeitverkürzung in einer digitalisierten Welt als Stichwort), Klimawandel und erneuerbare Energien, der selbstbewusste Umgang mit reaktionären und fortschrittsfeindlichen Strömungen usw. sind ebenso elementar. Wenn die SPD diese Themen selbstbewusst, sozial gerecht und innovativ beantwortet, ist das das wirksamste Mittel gegen Populismus und jene Strömungen.

Mut und Optimismus sind gefragt

Aktuell bemitleidet sich die Sozialdemokratie wieder selbst. Die Partei muss über eine neue, ungeliebte große Koalition verhandeln. Natürlich, eine Erneuerung ist in der Opposition einfacher – aber das ist kein Selbstläufer. Zwischen 2009 und 2013 war die SPD in der Opposition; genutzt hat das nichts. Die Vorschläge der Parteispitze zur Reform wurden auf mittlerer Ebene blockiert.

Ob Groko oder keine Groko: Die SPD braucht Mut und Lust auf neue Themen, auf unorthodoxe Wege, auf Out-of-the-Box-Denken, auf Optimismus. Kurz: Die SPD muss die Zukunft anpacken wollen. 

Die SPD hat knapp 450.000 Mitglieder. Großartige Mitglieder! Mit viel Fachwissen und Gestaltungswillen. Davon sind aktuell in den bestehenden Strukturen leider weniger als 20 Prozent aktiv. Die Partei muss dieses Potenzial nutzen und die Sozialdemokratie wieder zu einer optimistischen Zukunftsbewegung zu machen. Dass Martin Schulz den Digitalpolitiker und Zukunftsoptimisten Lars Klingbeil als Generalsekretär ausgewählt hat, ist ein erster richtiger Schritt.

Ich habe keine Lust mehr, Menschen hinterherzulaufen, die mich mit "Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!" begrüßen. Vielleicht haben sie ja noch nicht einmal Unrecht. Die Sozialdemokratie muss selbstbewusst sein. Wenn sie eine zukunftsorientierte Gesellschaftsidee bieten kann, werden junge Menschen die SPD für sich entdecken. So wie sie es 1969 oder 1998 taten. Und wenn Jugendliche und junge Erwachsene erkennen, dass sich die SPD um die Probleme und Lösungen für die Zukunft Gedanken macht, werden vielleicht auch die Enttäuschten erkennen, was sie an der SPD haben.

Es soll auch schon Ehepaare gegeben haben, die sich nach einer Scheidung erneut für eine gemeinsame Hochzeit entschieden haben. Und es muss ja nicht gleich wieder eine Hochzeit sein: Eine Langzeitaffäre kann auch bereichernd sein und passt vielleicht sogar eher in die heutige politische Zeit.