ZEIT ONLINE:  Frau Schön, als CDU-Fraktionsvize – was sind Ihre Maximen im Umgang mit der AfD?

Nadine Schön: Die AfD versucht, durch gezielte Provokationen Aufmerksamkeit zu erregen. Wir sollten unseren Beitrag leisten, damit diese Taktik nicht aufgeht. Das gelingt am besten durch unaufgeregte, sachliche Debattenbeiträge, die die AfD-Positionen inhaltlich auseinandernehmen. So gab es zum Beispiel kürzlich im Bundestag im Rahmen einer Regierungsbefragung eine Diskussion zum Thema Elternzeit. Da hat die AfD versucht, Familienministerin Katharina Barley mit tendenziösen Fragen in die Enge zu treiben: Ob denn auch schwule und lesbische Paare in den Genuss von Elternzeit kommen sollten. Ministerin Barley hat diese Frage gut pariert, und gesagt, es sei ja das Schöne an Deutschland, dass man den einen etwas geben könne, ohne anderen dafür etwas wegnehmen zu müssen.

ZEIT ONLINE: Soll man die AfD behandeln wie eine normale Partei?

Schön: Wir sollten die AfD nicht daran hindern, die ihr zustehenden Rechte auszuüben. Die AfD versucht ständig, die Karte ihrer vermeintlichen Opferrolle zu spielen. Das sollten wir ihr nicht durchgehen lassen.

ZEIT ONLINE: Das scheint sich inzwischen bei den meisten Abgeordneten als Konsens herauszukristallisieren. Offiziell soll die AfD an allem beteiligt werden – aber wenn es dann zum Schwur kommt, gibt es doch Manöver und Tricks, um den konkreten AfD-Abgeordneten zu verhindern. So war es beim Vizepräsidenten oder jetzt beim Parlamentarischen Kontrollgremium. Wie passt das zusammen?

Schön: Jeder Vizepräsident muss in geheimer Wahl gewählt werden. Dasselbe gilt für einen Platz im Parlamentarischen Kontrollgremium. Es ist nicht das erste Mal, dass Kandidaten durchfallen. Das ist nichts Außergewöhnliches. Bei Albrecht Glaser – dem Kandidaten der AfD für das Amt des Vizepräsidenten – ging es um die politischen Äußerungen der konkreten Person. Ich finde, man kann von den Abgeordneten nicht verlangen, dass sie jemanden zum Vizepräsidenten des Deutschen Bundestages wählen, der die Religionsfreiheit für den Islam ablehnt.

ZEIT ONLINE: Aber dann kann es doch nicht zum normalen Umgang kommen. Nehmen wir den Kulturausschuss und den AfD-Mann Marc Jongen. Da gab es eine Unterschriftenaktion, weil niemand Ausschussvorsitzender werden solle, der unsere Erinnerungskultur nicht richtig sortiert findet. Ist das richtig?

Schön: Wer – wie ich – dankbar für vieles ist, was wir uns in diesem Land hart erkämpft haben – wie zum Beispiel die Aufarbeitung der Vergangenheit, die Gleichstellung von Frauen und Männern oder die Religionsfreiheit – der kann sich schwer vorstellen, dass jemand als Ausschussvorsitzender für diese Themen verantwortlich sein soll, der hier fragwürdige Ansichten vertritt. Dass Kollegen damit hadern, ist doch verständlich.

Dennoch: Unsere Geschäftsordnung sieht vor, dass alle Fraktionen bei der Verteilung gewisser Funktionen berücksichtigt werden müssen. Das sollten wir respektieren. Ich hielte es für falsch, einen Generalboykott von AfD-Abgeordneten auszurufen. Damit brächten wir sie nur in eine Märtyrer-Rolle. Im Übrigen muss auch die AfD wissen: Ein Ausschussvorsitzender muss sich neutral verhalten.

ZEIT ONLINE: Aber es gibt bei allen Themen solche Konflikte, alles ist verhetzbar. Dann ist die AfD doch keine normale Partei?

Schön: Für alle Fraktionen gilt das gleiche parlamentarische Recht: bei den Redezeiten, bei der Ausschussbesetzung, bei der Benennung von Funktionen. Bei der AfD ist es so, dass sie bewusst provoziert, indem sie vieles, was wir zur DNA unseres Landes zählen, ablehnt – von der europäischen Integration bis zur Religionsfreiheit. Da sollte man schon genau hinschauen. Bei der Linkspartei ist das ja nicht anders.

ZEIT ONLINE: Wird die AfD irgendwann so selbstverständlich dazugehören wie die Linke oder die Grünen, die ja auch lange von den anderen Fraktionen aus Gremien wie dem Parlamentarischen Kontrollgremium herausgehalten wurden?

Schön: Die AfD ist eine rechtspopulistische Partei. Es muss uns gelingen, ihre Wähler wieder ins demokratische Spektrum zurückzuholen, damit sie die AfD nicht mehr brauchen. Deshalb brauchen wir gute und auch kontroverse Debatten im Bundestag und eine gute Berichterstattung.

ZEIT ONLINE: Die AfD argumentiert ja, dass ohne sie im Bundestag gegen die zwei wichtigsten Entscheidungen – Eurorettung und Flüchtlingsaufnahme – keine echte Opposition stattgefunden hat.

Schön: Wir diskutieren im Bundestag über alle wichtigen Fragen kontrovers und durchaus auch hart in der Sache. Aber die AfD arbeitet durchweg mit Polemik. Erst letzte Woche habe ich in einer Debatte zur Altersbestimmung bei minderjährigen Flüchtlingen gesprochen. Für die Union ist es ein unhaltbarer Zustand, dass circa 30 Prozent aller vermeintlich Minderjährigen, die von der Jugendhilfe betreut werden, in Wahrheit eben nicht minderjährig sind. Wir haben einen konkreten, sachlichen Vorschlag, wie man das ändern kann. So tritt die Union unter anderem für bundeseinheitliche Standards und zentrale Zentren ein, in denen die Altersfeststellung, auch die medizinische, durchgeführt wird. Die AfD hingegen hat die Flüchtlinge in der Debatte nur als Kostentreiber und Leistungserschleicher dargestellt, um weiter pauschal hetzen zu können. Eine sachliche Diskussion war nicht möglich.

ZEIT ONLINE: Seit Ihrer Rede in der Debatte zur Altersfeststellung von minderjährigen Flüchtlingen vergangene Woche sind Sie im Netz einem scharfen Shitstorm ausgesetzt. Wie weit gehen Ihre Kritiker?

Schön: Viele wollten mich bewusst missverstehen, indem sie immer wieder behauptet haben, die Union sei gegen die medizinische Altersfeststellung bei Flüchtlingen. Ich wurde beschimpft und beleidigt. Eine inhaltliche Auseinandersetzung fand nicht statt.

Die Hetze auf Facebook hat viele abgeschreckt, die gerne einen sachlichen Beitrag leisten wollten. Selbst wenn sie inhaltlich argumentieren wollten, wurden auch sie beleidigt. Der Kommentierbereich enthielt nur noch wüste Beschimpfungen und üble Polemik. Ich würde mich gerne inhaltlich auseinandersetzen, auch mit Kritikern. Das war aber leider nicht möglich.