Die Mission ging gründlich schief: Die scheinbar sichere Wahl 2005 verlor sie fast. Sie schwor daraufhin dem Neoliberalismus ab und regierte in ihrer ersten großen Koalition auf beinahe sozialdemokratische Weise. Ziemlich entgegengesetzt zu ihren vormaligen Ansichten. Als ihr die folgende Wahl 2009 trotz eines noch schlechteren Unionsergebnisses dann doch die Chance für eine schwarz-gelbe, neoliberale Wende verschaffte, hatte sie ihre Lektion in bundesrepublikanischer Politik gelernt: Die Mehrheit der Deutschen möchte zwar, dass sich vieles ändert. Aber im Grunde soll alles so bleiben, wie es schon immer war. Mit ihr an der Spitze.

Guido Westerwelles FDP verweigerte sie deshalb kräftige Steuersenkungen, obwohl sie selbst vier Jahre vorher eine "Bierdeckel-Steuerreform" versprochen hatte – also ein Steuerkonzept, dessen Eckpunkte auf einem Bierdeckel erklärbar wären. Folglich ging auch Schwarz-Gelb schief. Die FDP flog aus dem Bundestag, ihr blieb 2013 erneut nur eine große Koalition. Wie auch jetzt.

Schaut man sich Merkels Entwicklung seit nunmehr 20 Jahren auf diese Weise an, überrascht es wenig, dass ihr politische Überzeugungen selten etwas bedeuteten und sie sie bereitwillig wechselte. Anfangs sah sie sich als Transmissionsriemen für einen freien Markt – ein Urthema der Union. Nachdem sie damit aber keinen Erfolg hatte, schwenkte sie um zu einem Kurs der weitgehenden Beliebigkeit: erst für die Verlängerung der Atomkraftwerklaufzeiten, dann für den Atomausstieg. Mal für die Wehrpflicht, dann dagegen. Lange Zeit war sie gegen die Aufnahme von Flüchtlingen, dann mutierte sie 2015 zur Willkommenskanzlerin – und kurz darauf wieder zurück zur Kanzlerin der Abschottung. Mal war sie für die Öffnung des Familienbildes, dann gegen die Ehe für alle. Hauptsache, sie fühlte sich immer an der Spitze der gesellschaftlichen Mehrheitsmeinung.

Ohne Gespür, ohne Kompass

Womit sie nicht klarkommt, ist, wenn diese Mehrheitsmeinung oder das, was Demoskopen und Parteifunktionäre dafür halten schwankt. Eine Großzahl der Deutschen hat nach allen Umfragen nichts dagegen, Flüchtlinge aufzunehmen. Die Mehrheit, von rechts bis weit links, möchte aber nicht, dass Hunderttausende unkontrolliert ins Land kommen. Und wenngleich die meisten der Globalisierung und Europäisierung ganz wesentlich ihren Wohlstand und ihre Exporterfolge verdanken, wollen sie nicht, das sie ihr eigenes Leben in Unordnung bringen. Die Stimmung steht oft quer zur politischen und gesellschaftlichen Vernunft.

Merkel, der Vernunftpolitikerin, fehlt jedoch anders als Kohl ein Gespür dafür. Und ein eigener politischer Kompass. Kurz bevor sie im Frühherbst 2015 einsam entschied, Zehntausenden Flüchtlingen die Einreise zu gestatten, hatte sie einer jungen Palästinenserin aus dem Libanon noch live im Fernsehen hilflos die Hand auf die Schulter gelegt und ihr beschieden, Deutschland könne nicht alle aufnehmen. Was es auf ihr Geheiß bald darauf dann doch tat.

Applaus bekam sie dafür von Bürgern, die niemals CDU wählen würden. Aber wenig aus den eigenen Reihen. Die Folgen muss sie nun seit dem 24. September 2017 tragen: Die CDU stürzte bei der Wahl noch stärker ab als die SPD, wenn auch von einem höheren Ausgangswert. Rechts von der Union etablierte sich im Bundestag eine rechte Partei und stahl ihr ihre angestammte Rolle als strukturelle Mehrheitspartei, an der niemand vorbeikommt.

Seitdem muss Merkel um eine Koalition kämpfen wie noch nie. Wenn es ihrem Notverbündeten Schulz nicht gelingt, die Delegierten auf dem SPD-Parteitag zu überzeugen, ist ihre Kanzlerschaft am kommenden Sonntag vorbei. Und wenn die SPD-Basis nicht folgt, dann wäre sie es wohl einige Wochen später.