Denn kaum jemand in der CDU, geschweige denn in der CSU, würde bei einer Neuwahl eine erneute Kandidatur Merkels wollen. Gerade das bewegt viele skeptische Genossen, gegen eine erneute große Koalition zu mobilisieren: Noch einmal vier Jahre Merkel? Der Widerwille eint Sozialdemokraten der Linken, Rechten und der Mitte. Unabhängig von der Frage, ob das Ergebnis der Sondierungen eine genügend sozialdemokratische Handschrift trägt.

Der Überdruss in der Bevölkerung und in Merkels Partei wegen ihrer Art der Nichtpolitik ist längst übergroß. Das zeigte schon der Anfangshype um Schulz vor einem Jahr, dann das katastrophale Ergebnis der Union bei der Bundestagswahl. Selbst wenn Merkel sich jetzt noch einmal in eine schwarz-rote Regierung rettet: Ihre Zeit neigt sich unweigerlich dem Ende zu. So wie vor 30 Jahren die Zeit des Kommunismus. Und knapp zehn Jahre später die von Kohl.

Merkel hat schon vor der Wahl zu verstehen gegeben, dass dies unweigerlich ihre letzte Amtszeit sein wird. Ob sie deren Beginn oder gar deren Ende und damit die lange Amtsdauer von Kohl erreicht, hat sie nicht mehr allein in der Hand.

Im Herbst 2015 ließ sie Kontrollverlust an den deutschen Grenzen zwar zu. Aber er bereitet ihr großes Unbehagen, sie kämpfte dagegen schon in der Finanz- und Eurokrise. Anschließend wieder im Chaos des Zuwandererandrangs, auch mithilfe des Flüchtlingsabkommens mit dem türkischen Präsidenten Erdoğan. Schließlich im Clinch mit Seehofer und der CSU um eine Obergrenze.

Die CDU geschrumpft

Mit SPD und CSU hat sie sich auf Kompromisse auch bei diesem Thema geeinigt. Offen ist, ob das reicht, um die SPD-Mitglieder und die CSU-Wähler bei der Landtagswahl im September bei Laune zu halten. Davon aber hängt ab, ob ihr ein sanfter Ausstieg gelingt, oder ob ihr nur ein abrupter bleibt.

Die Zeit ist aber ohnehin über Angela Merkel hinweggegangen: Die große globale Auseinandersetzung zu Beginn des 21. Jahrhunderts der Kampf der Freiheit gegen den Autoritarismus verlangt eine Gestalterin oder einen Gestalter. Nicht eine Politikverwalterin.

Die paradoxe Parallele zu ihrem Vor-Vorgänger Kohl ist: Am absehbaren Ende ihrer Amtszeit steht sie fast mit leeren Händen da. Wenn alles in ihrem Sinne gut läuft, wird Deutschland von einem Notbündnis regiert werden. Die CDU ist in einem desolaten Zustand, noch schlimmer als 1998 bei ihrer historischen Wahlniederlage, die den Weg für die erste rot-grüne Koalition auf Bundesebene freimachte. Heute wird die Mehrheitsfähigkeit der CDU von rechts gefährdet: einerseits durch die Konkurrenz der AfD und andererseits durch eine mögliche Abtrennung der CSU nach einer absehbaren Niederlage in der Bayernwahl im Oktober. 

Ein unrühmliches Ende

Ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin ist nirgends in Sicht. Vor 20 Jahren gab es immerhin Schäuble als Kohl-Kanzler-Nachfolger an der Parteispitze. Und dann Merkel. Sie aber hat in ihrem steten Misstrauen niemanden neben oder hinter sich erstarken lassen.

Selbst wenn Merkel die SPD-Hürde übersteht, könnte das fragile Bündnis jederzeit platzen, falls sie und die Union sich wie schon 2013 nicht an wichtige Vereinbarungen halten. Die Sozialdemokraten würden ihr das in ihrer Angst ums eigene Überleben diesmal nicht durchgehen lassen.

In beiden Fällen wäre das ein selbst verschuldetes, unrühmliches Ende. Ein Ende, das sie wegen ihrer unbestreitbaren Verdienste – immerhin hat sie Deutschland und Europa sicher durch schwere internationale Krisen geführt nicht verdient hätte. Merkel hätte es selbst vermeiden können, wenn sie rechtzeitig die Zeichen der Zeit erkannt hätte und abgetreten wäre. Die Chance hat sie vertan. Jetzt heißt es für sie: abwarten – und Daumen drücken.