ZEIT ONLINE: Herr Althusmann, in Niedersachsen haben Sie kurz nach der Bundestagswahl nach fünf Jahrzehnten erbitterter Gegnerschaft mit der SPD rasch und geräuschlos eine große Koalition vereinbart. Wieso tun sich beide Parteien in Berlin so schwer? 

Bernd Althusmann: Man muss es ernsthaft wollen. Überhaupt ist in der deutschen Politik mehr Ernsthaftigkeit vonnöten. Der ständige Dialog zwischen Medien und Politik, diese Glaskugel, in der wir leben, schafft ein geschlossenes System, das sich wechselseitig bestätigt. Das verleitet dazu, mediale Wirkungen stärker zu gewichten als die tatsächlichen Inhalte. In Berlin ist das noch stärker ausgeprägt als in der Landespolitik. 

ZEIT ONLINE: Während der Jamaika-Gespräche haben die Beteiligten gefühlt teilweise mehr mit Journalisten als miteinander selbst gesprochen. Spielt das diesmal auch eine Rolle? 

Althusmann: Ich empfehle dringend weniger Eitelkeiten. Es geht um das Land und um seine Menschen. Von dieser Verantwortung haben wir uns in Niedersachsen tragen lassen. Davon sollten sich jetzt alle, auch die SPD, leiten lassen. Denn wer sich zur Wahl stellt, sollte grundsätzlich auch regieren wollen. 

ZEIT ONLINE: Viele Sozialdemokraten wollen das offensichtlich nicht. 

Althusmann: Es verwundert mich, wie man seine Hauptrolle in der Opposition sehen kann. Opposition ist unzweifelhaft eine wichtige Aufgabe in der Demokratie. Aber wir stellen uns zur Wahl, weil wir gestalten wollen. Sich in die Opposition zurückzuziehen, um keine Verantwortung für eigenes Handeln übernehmen zu wollen, kann unter den gegebenen Umständen kein erfolgreicher Weg sein. 

ZEIT ONLINE: Die niedersächsische SPD hat sich bislang als einzige für Koalitionsverhandlungen mit der Union ausgesprochen. Liegt das daran, dass Ihre große Koalition in Hannover recht gut und reibundslos läuft?

Althusmann: Auch unter den Mitgliedern der SPD dort gibt es offenbar intern heftige Debatten. Die SPD befindet sich insgesamt in einer sehr schwierigen Phase. Es wäre besser, wenn sie wieder mehr Zutrauen zu sich selbst bekäme. Die Ursachen für die jeweils wenig erfreulichen Wahlergebnisse liegen sicher nicht allein an der gemeinsamen Koalition.

ZEIT ONLINE: Sondern?

Die CDU hat die Auswirkungen der Flüchtlingskrise unterschätzt.

Althusmann: Die CDU hat die Auswirkungen der Flüchtlingskrise unterschätzt, die SPD sich von eigenen Erfolgen in der großen Koalition distanziert. Beides hat das Vertrauen der Wähler in unsere Handlungsfähigkeit zum Teil tief erschüttert. Daran müssen wir arbeiten und weniger in den Vordergrund stellen, was holen wir für unsere Partei heraus. Wichtiger wäre jetzt, über die inhaltliche Arbeit in Regierung und Parlament Punkte zu setzen, um die Zukunftsfähigkeit Deutschlands zu sichern. Die Herausforderungen sind enorm: Stabilität der Finanzmärkte in Europa, Fachkräftesicherung, den Infrastrukturausbau schneller vorantreiben, Digitalisierung oder eine sichere Rente.   

ZEIT ONLINE: Die SPD möchte die Punkte aber offensichtlich lieber vorher schon im Koalitionsvertrag setzen. 

Althusmann: Politik besteht nicht nur darin, einen solchen Vertrag abzuarbeiten. Wir müssen jeden Tag neue Probleme lösen. Wahrscheinlich werden wir uns in zwei Jahren über ganz andere Themen Gedanken machen müssen als aktuell. Die Koalitionsverträge der Vergangenheit haben nicht alle Herausforderungen vorhersehen können. Vielleicht sehe ich das ja zu pragmatisch.   

ZEIT ONLINE: Die Finanz-, Euro- und Flüchtlingskrise jedenfalls waren in keinem Koalitionsvertrag vorgesehen. 

Althusmann: So ist es. Sie konnten durch Koalitionsverträge auch nicht verhindert werden. Als Politiker sind wir aufgerufen, immer wieder neue Probleme anzugehen. Möglichst perfekte Koalitionsverträge auszuhandeln ist das eine, dies umzusetzen in kluges Handeln das andere.