Dieser Satz vom Abend des 19. November verfolgt Christian Lindner bis heute: Mit den Worten "Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren", ließ der FDP-Chef die schwarz-gelb-grünen Sondierungen scheitern. Doch statt wie erhofft als prinzipienfeste Partei dazustehen, die die Macht nicht um jeden Preis will, sahen die Liberalen wie die Umfaller aus, deren Gründe für die Absage an Jamaika vielen Menschen schleierhaft blieben.

Der eigentliche Plan für den strahlenden Posterboy Christian Lindner war ein anderer. Er holt die FDP aus der Versenkung und führt sie direkt in eine Regierungsbeteiligung. Ambitioniert hieß es im Wahlprogramm: "Wir müssen etwas tun – schauen wir nicht länger zu". Doch nun richtet sich die Partei auf den Oppositionsbänken ein, gleich neben der AfD. Die einstige Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger mahnt ihre Partei davor, es sich in dieser Nähe zu gemütlich zu machen. Einen Tag vor dem Dreikönigstreffen warnt sie in einem Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung vor einem "Überbietungswettbewerb in Unanständigkeit" und fordert klare Kante gegen Rechtspopulismus. Leutheusser-Schnarrenberger äußert auch ihr Bedauern, dass die FDP die Chance auf Jamaika verstreichen ließ.

Damit ist sie nicht allein. Vor allem Vertreter der Industrie- und Handwerksverbände – von denen ein großer Teil für die Freien Demokraten votiert haben dürfte – äußerten ihren Unmut, dass Merkel nun aller Voraussicht nach genau mit ihrer Groko weitermachen kann. Eine Fortsetzung der großen Koalition wünschen sich auch viele Mittelständler nicht. "Die unternehmerische Mittelschicht stellt sich vor, dass es am besten ist, wenn die FDP mitregiert, weil sie dann erwartet, dass wir Schritte in eine volkswirtschaftliche Erneuerung gehen", sagt der Vorsitzende des liberalen Mittelstands, Thomas Kemmerich. Auch er steht einem schwarz-roten Bündnis kritisch gegenüber: "Noch vier Jahre 'Weiter so' ist kein gutes Zeichen für unser Land. Neue Geschäftsideen werden außerhalb von Deutschland und der EU gegründet. Es ist höchste Zeit, etwas zu tun."

Dass dafür eine Regierungsbeteiligung der FDP gut gewesen wäre, davon ist auch der einstige Innenminister Gerhart Baum vom linksliberalen Parteiflügel überzeugt. Durch den Abbruch der Gespräche habe seine Partei einen Glaubwürdigkeits- und Vertrauensverlust erlitten, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Das spiegelt sich auch in den Zustimmungswerten, die um ein bis zwei Prozentpunkte gesunken sind. Die Partei müsse nun lernen, mit dem Vorwurf umzugehen, "dass jetzt Dinge passieren, die sie hätte verhindern können, und Dinge nicht passieren, die sie in der Regierung hätte bewirken können", so Baum. Die FDP trage durch den Gesprächsabbruch eine Last mit sich herum.

Merkel als die Hauptschuldige

Die spürt offenbar auch Christian Lindner, der seitdem nicht müde wird, immer wieder zu erklären, warum ein Jamaika-Bündnis "nicht die notwendige Erneuerung unseres Landes" gebracht hätte. Hieß es erst, die Inhalte hätten nicht gepasst, wurde daraus später die Erzählung, mit den ach so moralisierenden Grünen gehe es nicht, dabei regiert die FDP in Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz mit ihnen. 

Die Hauptschuld aber wurde schließlich Angela Merkel angelastet, die einfach im Groko-Stil weitermachen wolle. Ohne sie sei ein neuer Jamaika-Versuch in der nächsten Legislatur durchaus denkbar, ließ Lindner verlauten. Fraktionsvize Michael Theurer schlug sogleich vor, Merkel durch Jens Spahn zu ersetzen, Kemmerich forderte via Pressemitteilung "Verhandlungen ohne Merkel wieder aufnehmen" und der baden-württembergische Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke bezeichnete die CDU-Chefin als Problem, das die Union lösen müsse, wenn sie irgendwann mit der FDP regieren wolle. Beendet wurde die Personaldebatte von Fraktionsvize Alexander Graf Lambsdorff, der seine Parteikollegen energisch dazu aufrief, sich lieber um die eigenen Angelegenheiten zu kümmern – etwa, sich als Oppositionspartei zu profilieren.