2. Dezember 1989, im Haus der jungen Talente in Ostberlin: Gregor Gysi saß auf einem Podium zusammen mit Bärbel Bohley, Jürgen Fuchs, Wolf Biermann und anderen. In einer Pause traf ich Gysi auf einer Treppe und begegnete einem im Blick auf seine eigene Zukunft unsicheren Menschen. Und er sagte zu mir – und das schien mir nicht beiläufig –, dass er überlegen müsse, ob er den Vorsitz der SED übernehmen solle, nachdem die alte Führung, das SED-Politbüro, faktisch weggefegt worden war. Und ich meinte, er solle den abgewirtschafteten Laden übernehmen, damit Hunderttausende ehemalige SED-Mitglieder eine politische Heimat fänden, statt auf eine innerpolitische Radikalisierung mit Zementierung der deutschen Teilung, zwar ohne Mauer, aber in betoniertem Denken, zu setzen.

Ich hab ihm also zugeraten, sehr zugeraten. Und er stieg die Eisentreppe kopfwackelnd, mit dem typischen kleinen Kopfwackeln, leicht tänzelnden Schrittes schweigend herunter. Und dann kandidierte er und wurde in diesen 27 Jahren deutscher Einheit zu einer Identifikationsfigur für eine Linke, ein Zuhause für alle, die plötzlich vor dem Nichts einer Zugehörigkeit standen – innerlich und äußerlich – und die trotz dieser vierzig Jahre SED-Herrschaft auch an Ideale geglaubt hatten, überzeugt, selbst mittels dieser zerfallenden Partei großen Zielen wie Gerechtigkeit und Frieden folgen zu können.

Gregor Gysi ist ein politisches Talent, so anerkannt wie bekämpft, so beneidet wie ins Zwielicht gestellt, so rhetorisch begabt wie suggestiv agierend. Seine jüngst erschienene Autobiografie erzählt, sie erklärt, gibt Einblick in Konflikte und deren Ursachen. Sie rechtfertigt nicht, sie rechnet nicht ab, aber sie umschifft auch nicht die persönlichen Differenzen. Sie wird persönlich, ohne Privatsphären zu verletzen. Sie bestätigt Klischees und sie widerspricht Klischees.

Da sucht im Wendeherbst ein verunsicherter Mensch, nach dem ihm angemessenen Platz, nach Verbündeten für den grundlegenden Umbau der Partei – organisatorisch, politisch, ideologisch.

Fraktionschef Gysi 2007 auf einem Parteitag © Ralph Orlowski/Getty Images

Was sollte aus dieser Kaderpartei mit 2,3 Millionen SED-Genossinnen und -Genossen werden? Was würde nun aus der DDR, die die Worte Demokratie und Sozialismus gleich ernst nimmt, wo das Beiwort "demokratisch" beim Sozialismus nicht zur verlogenen Floskel gerinnt.

Welche Institutionen für welche Personen würden nun gebraucht? Was sollte bleiben und was verschwinden? Wie kann eine grundlegend reformierte DDR ein souveränes politisches Subjekt bleiben, obwohl ökonomisch auf absehbare Zeit nicht auf gleicher Augenhöhe mit der Bundesrepublik? Und wie würde verhindert werden, dass 40 Jahre DDR lediglich zu maroder Anschlussmasse werden, wo Lebensentwürfe und Lebensleistungen einer ganzen Generation minderbewertet, zum unbrauchbaren Schrott erklärt werden, wo Ostler ihren Lebensweg rechtfertigen mussten, wo überwiegend "die anderen" erklärten, wie "wir" gelebt haben.

Ja zur Marktwirtschaft

Gysi suchte engagiert nach Antworten. Für viele jüngere Linke aus der Umbruchsphase seit Herbst 1989 wurde er ein Anker, ein sprachmächtiger Kämpfer für ein europäisches Deutschland, für einen sozialen Staat mit Entfaltungsmöglichkeit für jeden. Engagiert warb er für seine Idee eines demokratischen Sozialismus und hinterleuchtete die Schattenseiten des kapitalistisch expandierenden Weltmarkts.