Die Diskussion über eine neue große Koalition beschert der SPD direkt nach ihrem Parteitag neue Mitglieder. Nach Angaben eines Parteisprechers sind bei dem nordrhein-westfälischen Landesverband bis Dienstagmorgen mehr als 520 Aufnahmeanträge online eingegangen. Dem stehe "eine Handvoll" Austritte gegenüber. Eine weitere größere Anzahl an spontanen Eintritten gibt es in Bayern und Berlin: In Bayern gab es allein am Montag online 100 Eintritte, in Berlin wurden 70 Aufnahmeanträge gestellt, sagten Sprecher beider Landesverbände.

Hintergrund könnte der recht knappe Ausgang der Abstimmung auf dem Parteitag über die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen sein, nur 56,4 Prozent der Delegierten stimmten dafür. Nach Abschluss der Koalitionsverhandlungen gibt es eine weitere Abstimmung über das Ergebnis: Dann entscheiden alle mehr als 440.000 SPD-Mitglieder. Jusos und andere Gegner der großen Koalition haben bereits dazu aufgerufen, in die Partei einzutreten und dann mit Nein zu stimmen. In Berlin vermutete eine Sprecherin der Landespartei, dass die Neumitglieder über den Koalitionsvertrag mit abstimmen wollen.

In Baden-Württemberg verzeichnete der SPD-Landesverband nach dem Parteitag einige Dutzend Eintritte. Ein Parteisprecher sagte, die Austritte könne man dagegen an einer Hand abzählen. In den kleinen SPD-Landesverband Brandenburg traten seit Sonntag 15 neue Mitglieder ein. Austritte habe es keine gegeben, sagte Generalsekretär Erik Stohn. Damit setze sich der Trend seit der Bundestagswahl fort. Seit Anfang Oktober seien knapp 160 Brandenburger in die Partei eingetreten, Austritte habe es nur knapp 40 gegeben.

Gegen kurzfristige Mitgliedschaften

Gegen einen Eintritt in die Partei, nur um an der Abstimmung teilnehmen zu können, hat sich Matthias Miersch ausgesprochen, der Sprecher der Parlamentarischen Linken in der SPD-Bundestagsfraktion. "Probleme habe ich, wenn suggeriert wird: Tretet ein, und dann könnt ihr auch abstimmen, und dann könnt ihr wieder austreten", sagte Miersch im ARD-Morgenmagazin. "Parteimitgliedschaft heißt, sich zu Grundwerten zu bekennen, und das ist entscheidend." Über einzelne Neueintritte müsse nun an der SPD-Basis entschieden werden. "Die Ortsvereine sind letztlich in der Lage zu sagen: Ja oder Nein."

In die Diskussion um eine große Koalition mischt sich nun auch Kritik am Parteivorsitzenden Martin Schulz. Der designierte thüringische SPD-Chef Wolfgang Tiefensee forderte ihn zum Verzicht auf ein Ministeramt in einer neuen Regierung auf. "Eine 180-Grad-Wende in dieser Frage würde die Glaubwürdigkeit von Martin Schulz erschüttern", sagte Tiefensee der Welt. "Er sollte im eigenen Interesse möglichst schnell klarmachen, dass er nicht in ein Kabinett Merkel eintreten will."

Es wäre "niemandem zu erklären, wenn Martin Schulz nun ein Ministeramt anstrebt", sagte Tiefensee, der in Thüringen Wirtschaft- und Wissenschaftsminister ist. "Er hat noch nach der Wahl öffentlich versprochen, keinen Kabinettsposten unter Frau Merkel anzustreben." Tiefensee soll auf einem Parteitag am 11. März zum neuen thüringischen SPD-Chef gewählt werden. In der ersten großen Koalition unter Merkel war er zwischen 2005 und 2009 Bundesminister für Bau und Verkehr.