Robert Habeck hat es einfach, einerseits: Wenn der schleswig-holsteinische Umweltminister Ende Januar auf dem Parteitag der Grünen für die Nachfolge des scheidenden Co-Vorsitzenden Cem Özdemir antritt, wird er aller Voraussicht keine männlichen Gegenkandidaten haben. Bislang hat sich jedenfalls keiner gemeldet.

Er wäre auch ziemlich aussichtslos: Habeck, der im vergangenen Mai bei der Wahl im nördlichsten Bundesland ein Rekordergebnis holte und nun in einer Jamaikakoalition mit CDU und FDP weiter in Kiel mitregiert, ist der neue Star der Partei: ein unkonventioneller, erfolgreicher Politiker jenseits des alten Realo-Fundi-Flügelstreits, der die Grünen seit ihrer Gründung Anfang der 1980er-Jahre lähmt, den sie aber bis heute dennoch vor sich hertragen.

Habeck wird von seinen parteiinternen Gegnern dem Realo-Flügel zugerechnet. Er selbst betrachtet sich eher als Pragmatiker quer zu den Parteiströmungen. Er hat sich als Ziel gesetzt, das längst überholte grüne Rechts-links-Schema zu beerdigen. In seinem Landesverband hat er das schon vor Jahren als Landeschef getan. Die Partei dort hat sehr davon profitiert: Sie hat ihre Wahlergebnisse in dem strukturkonservativen Bundesland seitdem mehr als verdoppelt, auf zuletzt 12,9 Prozent. Das muss ihm außerhalb von Baden-Württemberg erst einmal jemand nachmachen.

Nach dem Verzicht der bisherigen linken Co-Vorsitzenden Simone Peter auf eine Wiederwahl hat der designierte neue Parteichef gute Aussichten, auch auf Bundesebene ohne eine linke Frau an seiner Seite auszukommen, die ihn wohl stören würde. Zwar bewirbt sich anstelle von Peter die niedersächsische Fraktionsvorsitzende Anja Piel nun um den weiblichen Posten in der Parteispitze, sie kommt ebenfalls vom linken Flügel. Ihr werden in der Partei jedoch wenig Chancen eingeräumt. Sie ist auf Bundesebene ziemlich unbekannt. Ihre Landespartei hat zudem unter ihr als Spitzenkandidatin bei der Landtagswahl am 15. Oktober fünf Prozentpunkte verloren. Die rot-grüne Landesregierung verlor dadurch endgültig ihre Mehrheit, Piels Grüne sitzen jetzt in der Opposition.

Zwei aus dem Realo-Lager

Ihre Gegenkandidatin, die Brandenburger Bundestagsabgeordnete Annalena Baerbock vom Realo-Flügel, hat dagegen den Vorzug, dass sie aus dem Osten stammt, also eine zusätzliche Quote erfüllt. Und dass sie Fachfrau für Klima- und Energiefragen ist, ein Kernthema der Grünen.

Wählt der Parteitag sie an die Seite von Habeck, wird die neue Parteispitze ganz anders harmonieren als die alte mit Özdemir und Peter. Die beiden waren sich sehr häufig in tiefem Misstrauen verbunden und führten die Partei mehr gegen- als miteinander. Habeck dagegen stellt sich vor, dass in Zukunft nur er oder seine Kollegin wichtige Termine wahrnehmen – im Vertrauen darauf, dass die oder der andere dieselben Ziele vertritt. Davon würde nicht nur er, sondern auch die Partei profitieren.

Denn da die Grünen aller Voraussicht nach weitere vier Jahre als kleinste Fraktion in der Opposition bleiben werden, sind sie darauf angewiesen, sich umso mehr geschlossen zu präsentieren. Die bisherige Doppel-Doppelführung in Partei und Bundestagsfraktion hat das eher behindert.

Robert Habeck - Müssen die Grünen wieder linker werden? In einer Jamaika-Koalition müssen sich die Grünen als linke Partei positionieren, findet der Kieler Abgeordnete Robert Habeck. Warum es dennoch richtig war, zwei gemäßigte Spitzenkandidaten aufzustellen, erklärt er im Videointerview. © Foto: Ana-Marija Bilandzija für ZEIT ONLINE