Die deutsche Sozialdemokratie hat ein neues Talent. Eigentlich eine schöne Nachricht für eine so zukunftsängstliche Partei wie die SPD. Und doch ist Kevin Kühnert gerade ein gewaltiges Problem für Parteichef Martin Schulz und die gesamte Führung.

Im zweiten Stock des Willy-Brand-Hauses tritt der Vorsitzende der SPD-Nachwuchsorganisation Jusos am Donnerstagmorgen vor eine Wand von Kameras. Er stemmt die Arme in die Seite, sammelt sich kurz und legt los: "Wir haben eine reale Chance, das zu gewinnen", sagt der 28-Jährige mit ruhiger, lauter Stimme. Es sei möglich, den SPD-Parteitag am Sonntag dazu zu bewegen, gegen die große Koalition zu stimmen.

Kühnert lobt aber auch die "solidarische" Diskussion in der Partei: Alles sei offen, er wolle, dass seine SPD beieinander bleibe, sich einen fairen Kampf liefere: "Möge das bessere Argument gewinnen." Auf dem rot-weißen Juso-Plakat hinter ihm steigt eine gezeichnete Figur mutig über einen großen Graben. "Für einen echten Politikwechsel" steht darüber.

Die Boulevardpresse nennt ihn "Milchgesicht"

Drei Tage sind es noch bis zum Sonderparteitag in Bonn, auf dem sich die 600 Delegierten der SPD entscheiden müssen: Darf die Parteiführung weiter mit der Union über eine große Koalition verhandeln? Oder soll ihr das verboten werden? Dann wäre vier Monate nach der Bundestagswahl auch der zweite Versuch einer Regierungsbildung gescheitert.

"Dieses Milchgesicht will Merkel stürzen" titelte die Bild-Zeitung in dieser Woche. Kühnert mag zwar keine auffallende Erscheinung sein. Doch er ist in kurzer Zeit zur Hauptfigur einer Bewegung geworden, die es schaffen könnte, das politische System der Bundesrepublik auf eine Bewährungsprobe zu stellen.

Kevin Kühnert - Wie wollen Sie die große Koalition noch verhindern? Juso-Chef Kevin Kühnert hält eine weitere große Koalition für rückschrittlich – und geht deshalb auf NoGroko-Tour. Ein Videointerview © Foto: Ana-Marija Bilandzija für ZEIT ONLINE

Protest gegen den Kurs der Parteiführung gehört zur DNA der Jusos. Vor jedem Parteitag mosern sie über irgendetwas. Doch dieses Mal ist es anders. Noch nie hatte die Nachwuchsorganisation so viel  Aufmerksamkeit: Die Jusos überzeugten SPD-Landesparteitage in Thüringen und Sachsen-Anhalt von einem Nein zur großen Koalition, sie haben bei den Delegierten in Berlin und in NRW gegen die große Koalition geworben, sie haben Zweifel gesät. Sie haben dafür gesorgt, dass manch ein Befürworter der großen Koalition in der Parteispitze gerade richtig nervös wird. 

Er kann Gefühle umschreiben

Denn Kevin Kühnert scheint omnipräsent. Zu Beginn der Woche erklärte Kühnert den Deutschlandkorrespondenten ausländischer Medien, warum die Bundesrepublik besser ohne eine große Koalition dastünde. Und die senden und schreiben es in die Welt.

Dabei ist er erst seit November Vorsitzender der Jusos. Der Berliner wurde 1989 geboren, wenige Monate bevor die Mauer fiel. Er lebt weiter in der Hauptstadt, studiert Politik. Während andere in diesem Alter ihr Studium abschließen und wehmütig durch die Clubs der Stadt ziehen, engagiert Kühnert sich schon seit Jahren für die SPD: in der Bezirksversammlung Tempelhof-Schöneberg, dem Berliner Stadtteil, in dem er lebt, im Abgeordnetenhaus von Berlin, wo er für eine Parlamentarierin arbeitet. Und bei den Jusos, wo er erst den Landesverband Berlin führte und dann stellvertretender Bundesvorsitzender war.

Seinen ersten großen Auftritt als Chef der Nachwuchsorganisation hatte Kühnert im Dezember auf dem Bundesparteitag der SPD, damals schon als Gegner einer großen Koalition. Er wolle, dass von "dem Laden" in ein paar Jahren noch was übrig ist, rief er und meinte die geschrumpften Wahlergebnisse der SPD nach Regierungen mit Angela Merkel. Die SPD könne doch nicht immer und immer wieder "gegen die selbe Wand" rennen.

Das beschrieb sehr gut das Gefühl, das viele Genossen umtreibt: Was soll nur aus unserer Partei werden in einer weiteren großen Koalition? Mit Kühnert haben die Jusos einen nach vorne gestellt, der dieses Gefühl selbstbewusst und ruhig verkörpern kann.

Als SPD-Kenner weiß Kühnert, welche Fehler Gegner der Parteiführung nicht machen dürfen: schrill werden. "Argumentativ, ruhig und besonnen" laufe der Kampf gegen die große Koalition, betonte Kühnert am Donnerstag erneut. Er ist ein rhetorisches Talent, kann frei sprechen und eingängig formulieren. Kameras schüchtern ihn nicht ein, im Fernsehen wirkt er authentisch. Nachdem es am vergangenen Freitag erste Meldungen gab, nach einer langen Verhandlungsnacht hätten sich Union und SPD auf offizielle Koalitionsgespräche geeinigt, twitterte Kühnert trocken: "Beim Blinddarm wie auch in Sondierungsgesprächen: Obacht bei Durchbrüchen." 

Ein Lösung für seine SPD weiß er aber auch nicht. Muss er nicht fürchten, dass die SPD bei Neuwahlen noch weiter verliert und die AfD näher an die Sozialdemokraten heranrückt?  Bei einem Nein zur großen Koalition gebe es für seine Partei kurzfristig womöglich "Schmerzen in Kauf zu nehmen", ist seine Antwort. Es sei eben eine "ganz schwierige" Situation, aber irgendwann müsse die Partei sich eben entscheiden, wohin sie wolle.