Als Lars Klingbeil, 39, im Herbst als Generalsekretär nominiert wurde, war die SPD klar auf Oppositionskurs. Der Digital- und Verteidigungspolitiker sollte einen Generationswechsel im Willy-Brandt-Haus einleiten, er wollte "keinen Stein auf dem anderen lassen". Stattdessen verhandelte Klingbeil in der vergangenen Woche im SPD-Sondierungsteam über eine neue große Koalition und wirbt jetzt bei der SPD-Basis um die Unterstützung für Koalitionsgespräche. Es wird eng auf dem Parteitag am Sonntag, aber äußerlich lässt sich der 1,90-Meter-Mann den Druck nicht anmerken, als er am Dienstag in der Berliner Parteizentrale zum Interview empfängt. "Weinerlichkeit" sei seine Sache nicht, sagt Klingbeil über sich.

ZEIT ONLINE: Herr Klingbeil, was verbindet Sie mit den Konservativen Alexander Dobrindt, Jens Spahn und Andreas Scheuer?

Lars Klingbeil: Nicht viel, außer dass wir ungefähr im gleichen Alter sind. Wir haben sehr unterschiedliche Weltbilder und ein sehr anderes Verständnis von Politik – das musste ich in den Sondierungsgesprächen feststellen.

ZEIT ONLINE: Wie könnten Sie dann miteinander regieren?

Klingbeil: Erst mal muss der SPD-Parteitag am Sonntag entscheiden, ob wir weiter mit der Union verhandeln. Eines ist klar: Da ist eine neue Generation in der Union, die nach der Macht greift und die fundamental anders denkt als die SPD. Wir Sozialdemokraten müssen also unsere Werte verteidigen. Und da ist die Frage, ob wir das besser in einer Regierung tun oder nicht. Ich werbe dafür, dass wir weiterverhandeln. Denn es gibt einen Rechtsruck in Europa. Auch in Deutschland verschärft sich die Debatte. Und wir sollten dem etwas entgegensetzen.

ZEIT ONLINE: Der SPD-Parteitag könnte eine neue Koalition mit der Union ablehnen. Allen Appellen der Parteiführung zum Trotz haben sich Landesverbände wie Thüringen, Sachsen-Anhalt und Berlin gegen Koalitionsverhandlungen ausgesprochen. Bayern ist skeptisch, ebenso wie Hessen, auch der mächtige Landesverband Nordrhein-Westfalen ist gespalten. Wie groß sind die Chancen überhaupt noch, das zu drehen?

Klingbeil: Ich bin optimistisch, dass der Parteitag weiteren Gesprächen mit der Union zustimmt. Die SPD-Mitglieder können dann nach möglichen Verhandlungen über den Koalitionsvertrag entscheiden. Ich bin stolz auf meine Partei, weil ich überall eine faire Debatte erlebe. Ich erlebe auch, dass durch die Diskussion viele Skeptiker noch einmal neu nachdenken. Niemand ist euphorisch angesichts einer neuen Koalition mit der Union. Aber wir müssen die Frage beantworten, ob wir Verantwortung übernehmen oder nicht.

ZEIT ONLINE: Sie sind seit Dezember Generalsekretär der SPD. Was machen Sie, wenn Sie am Sonntag Ihre erste große Niederlage erleben?

Klingbeil: Ich arbeite dafür, dass es ein Votum gibt für weitere Verhandlungen, und bin zuversichtlich, dass das klappt. Über alles andere denke ich im Moment nicht nach.

ZEIT ONLINE: Muss Martin Schulz zurücktreten, wenn die Delegierten auf dem Parteitag ihm nicht folgen?

Klingbeil: Ich halte es für völlig falsch, inhaltliche Fragen mit Personalfragen zu verknüpfen. Das wurde in der SPD in der Vergangenheit häufiger gemacht und das war falsch. Der neue, offene Debattenstil, den wir jetzt haben, ist Teil der Erneuerung der SPD.

ZEIT ONLINE: Seine Autorität wäre endgültig dahin, wenn die Partei seinen Appellen nicht folgt.

Klingbeil: Der Parteitag diskutiert am Sonntag über das Sondierungsergebnis und die Frage, ob wir mit CDU und CSU Koalitionsverhandlungen aufnehmen. Darum geht es.

Bei den Steuern Abstriche gemacht

ZEIT ONLINE: Was könnte bei den vielen Unterschieden das gemeinsame Projekt einer neuen großen Koalition sein?

Klingbeil: Vertrauen zurückzugewinnen. In der Präambel des Sondierungspapiers steht, dass wir verstanden haben, dass wir Fehler gemacht haben. Vertrauen gewinnen wir zurück, indem wir das Leben der Menschen im Alltag verbessern. Und das ist bereits an vielen Stellen gelungen: Wir entlasten kleine und mittlere Einkommen, sorgen für gebührenfreie Kitaplätze, haben Ideen für ein besseres Europa und eine Mindestrente durchgesetzt.

ZEIT ONLINE: Wenn Sie an der SPD-Basis nur mit einem Projekt aus dem 28-seitigen Papier werben dürften, welches wäre es?

Klingbeil: Ganz klar die Aufhebung des Kooperationsverbots. Der Bund soll künftig Milliarden in unsere Schulen investieren.

ZEIT ONLINE: Ist das wirklich eine Aufhebung des Verbots? Wird es nicht eher nur weiter aufgeweicht? Und könnten es nicht noch die Bundesländer im Bundesrat verhindern?

Klingbeil: Natürlich brauchen wir dafür eine Grundgesetzänderung und damit eine Zweidrittelmehrheit in Bundesrat und Bundestag, aber ich bin sicher, dass die Grünen und die Linken da mitmachen.

ZEIT ONLINE: Wo hat die SPD in den Verhandlungen die größten Abstriche machen müssen?

Klingbeil: Wir hätten die Spitzenverdiener im Land gerne stärker zur Finanzierung des Gemeinwesens herangezogen.