Was soll das sein, eine linke Sammlungsbewegung? Vielleicht zuerst das: Viele, viele linke Menschen, die sich an einem kalten Sonntagnachmittag in einer bestimmt hundert Meter langen Schlange versammeln, um am "politischen Jahresauftakt" der Bundestagsfraktion der Linkspartei teilzunehmen. Da stehen sie vor dem Veranstaltungszentrum Kosmos an der Berliner Karl-Marx-Allee, sie werden am Ende nicht einmal alle reinpassen, und so ist die erste Erkenntnis aus diesem für die Partei so wichtigen Wochenende: nächstes Jahr braucht es einen größeren Saal.

Seit zwei Wochen führt die Partei eine etwas nervöse Debatte, die genau um diesen Begriff kreist: linke Sammlungsbewegung. Begonnen hatte alles mit einem Satz, den der ehemalige Vorsitzende Oskar Lafontaine in einer Flughafenlounge einer Spiegel-Redakteurin und damit seiner Partei zuwarf: "Wir brauchen eine linke Sammlungsbewegung, eine Art linke Volkspartei, in der sich Linke, Teile der Grünen und der SPD zusammentun." Sprach’s, stieg ins Flugzeug, hob ab – und konnte dann sozusagen von oben verfolgen, wie unten all die Parteifunktionsträger mit diesem Satz kämpften. Er hatte einen Stein ins Wasser geworfen, der nun seine Kreise zog.

Nein, sagten die Parteivorsitzenden Bernd Riexinger und Katja Kipping, es brauche nichts Neues, die Linkspartei sei schon jetzt Sammlung genug. Doch, sagte Sahra Wagenknecht, Lafontaines Ehefrau und eine von zwei Fraktionsvorsitzenden, nur zusammen mit enttäuschten Sozialdemokraten und auch AfD-Wählern (von den Grünen war da schon keine Rede mehr) hätte die Linke genug Einfluss. "Es muss ein Funke überspringen", so Wagenknecht.

Gysis unmissverständliche Nebenbei-Rhetorik

An diesem Sonntag nun zieht im Kosmos Gregor Gysi nach. In der Gysi-typischen Nebenbei-Rhetorik, aber unmissverständlich: "Übrigens", sagt er in seiner Rede im überfüllten Saal, "die Linke braucht vieles, aber ich finde: keine neue Partei." Und was sagt Lafontaine selbst, der auch dabei ist? Er tut so, als hätte er das alles nicht so gemeint: "Meine Bemerkungen zielten nicht in erster Linie auf die Linkspartei, einige haben das ja missverstanden", sagt er. "Sie zielten auf die SPD. Ich möchte nicht zusehen, wie die SPD immer weiter den Bach runtergeht." Wenn diese sich weiter auf große Koalitionen einlasse, "hat sie 15 Prozent und wir vielleicht zwölf. Das reicht nicht, um die Rechten zu stoppen."

War die Diskussion also überflüssig, hysterisch gar? Gemessen am Publikum beim Jahresauftakt: ja. Das interessiert sich kaum für diese parteitaktischen Fragen, aber dafür sehr für die kategorischen Absagen an alle Waffenexporte und Kriegsbeteiligungen, die kaum ein Redner einzubauen vergisst. Die Linken-Anhänger gehen auch gerne und lautstark mit, wenn Lafontaine oder der Fraktionsvorsitzende Dietmar Bartsch Union und SPD dafür angreifen, keine Reichensteuer zu planen und überhaupt die Besitzverhältnisse nicht anzutasten.

Aber Sympathisanten müssen sich für die taktischen Fragen nicht interessieren, und diese können trotzdem wichtig sein. Bei den Linken stellt sich schließlich chronisch die Frage, wen sie eigentlich womit ansprechen wollen; wie breit sie sich für den Erfolg machen wollen. Schon jetzt versammeln die Partei Personen und Positionen, zwischen denen die Entfernung manchmal so groß ist, dass die Partei ständig den gemeinsamen programmatischen Schirm so definieren muss, dass auch ja noch alle darunter passen. Das ist es, was Kipping und Riexinger meinen, wenn sie sagen, die Linke sei schon jetzt eine Sammlungsbewegung.

Manchmal führt das zu regelrechten Verrenkungen. An diesem Wochenende etwa hat sich die Partei praktisch für zwei Tage gespalten. Neben der Veranstaltung im Kosmos gab es noch einen zweiten "politischen Jahresauftakt", veranstaltet nicht von der Fraktion, sondern von der Partei. Deren Spitze traf sich mit Vertretern aus den Ländern, um an der eigenen Politik zu feilen. Die beiden getrennten "Jahresauftakt"-Teams trafen sich nur am Sonntagmorgen am Grab von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, die am morgigen Montag vor 99 Jahren ermordet wurden. Das Gedenken an die beiden Sozialisten war der kleinste gemeinsame Nenner an diesem Wochenende.