Genau ein Jahr ist es nun her, dass Sigmar Gabriel seinem Weggefährten Martin Schulz den SPD-Vorsitz antrug. In den Augen vieler Genossen und Beobachter zeichnete den Seiteneinsteiger aus Brüssel damals vor allem eines aus: seine Glaubwürdigkeit.

Nach dem allseits kritisierten Zickzackkurs, den Gabriel in seinen Jahren als Vorsitzender vollzogen hatte, erschien Schulz als prinzipienfeste Alternative, ein authentisches Gegengewicht zum Berliner Politikklüngel. Einer, der auch aufgrund seiner eigenen, bewegten Biografie weiß, was die sogenannten kleinen Leute bewegt. Ein Mann mit Prinzipien, der anders als Gabriel nicht dauernd seine Position ändern werde. 

Einen verlorenen Bundestagswahlkampf und einige strategische Fehler später durchlebt Schulz inzwischen jedoch eine ähnlich schwere Glaubwürdigkeitskrise wie sein Vorgänger. Schuld ist vor allem er selbst. Schließlich hatte er sich nach der Wahl eindeutig festgelegt: Die SPD werde nicht in eine große Koalition eintreten, sie scheue Neuwahlen nicht. Dass er nun für das Gegenteil wirbt, überzeugt in der Partei viele nicht, wie auch der emotionale Parteitag von Bonn am Wochenende zeigte, wo sich nur eine knappe Mehrheit von 56 Prozent für Koalitionsverhandlungen mit der Union aussprach.

Hinzu kommen viele kleine Fehler, die selbst seine Unterstützer ratlos zurücklassen: Der Vorsitzende versprach seiner SPD zunächst "ergebnisoffene Gespräche" mit der Union. Später räumte er dann ein, das in den fünf langen Sondierungstagen Anfang Januar über die Tolerierung einer Minderheitsregierung der Union nie wirklich verhandelt worden sei. Die andere Seite habe eben nur eine große Koalition gewollt. Und in der Pressekonferenz nach dem Sondierungsfinale vor zwei Wochen vergaß ausgerechnet Schulz, sich für konkrete SPD-Verhandlungserfolge wie kostenfreie Kitas und Verbesserung der Pflege zu loben. CSU-Chef Horst Seehofer verkaufte diese als die seinen. Wieder einmal wirkte der SPD-Chef wie ein williger Hilfsarbeiter der Union.

Die Verbindung zur Partei verloren

Die einfachen Mitglieder stützten Schulz, trotz der schmerzhaften Wahlniederlage, hieß es lange in der SPD. Doch inzwischen fragen auch SPD-Wähler außerhalb Berlins, warum "der Schulz" eigentlich noch Parteichef ist. Und selbst wohlwollende Genossen stellen die Vertrauensfrage: Kann er das überhaupt? Der Union die Stirn bieten? Die eigene Partei auch in schwierigen Situationen führen? Über den Verlauf des Parteitags am Sonntag äußern sich sogar Schulz-Freunde entsetzt: Da sei keine Kraft, keine Leidenschaft mehr. Und manches an Schulz' Stil, was am Anfang erfolgreich war, hat sich mittlerweile abgenutzt. Früher konnte der SPD-Chef mit seinen Kontakten in alle Welt punkten. Als er dieses Mal stolz ein Telefonat mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron erwähnte, spotteten die Delegierten nur über diese Art des Namedroppings. Es habe den Anschein, der Vorsitzende habe die Verbindung zu seiner Partei verloren, heißt es von Genossen, die es wissen müssen. Die Menschen hörten ihm nicht mehr zu.

Was Schulz aber vor allem fehlt, ist ein Herzensprojekt, mit dem er für die unbeliebte große Koalition werben könnte. Etwas, das mit der Einführung eines Mindestlohns vergleichbar wäre, mit der Gabriel die SPD 2013 für eine erneute große Koalition gewann. "Ein Prozent von etwas ist besser als 100 Prozent von nichts", versucht Schulz die SPD-Erfolge in den Sondierungsverhandlungen zu verkaufen. Doch viele in der SPD sind es leid, dass man ihnen mal wieder mit den kleinen Stellschrauben und der staatspolitischen Verantwortung kommt. Als Schulz im Herbst – die Oppositionsrolle vor Augen–  plötzlich den Kapitalismuskritiker gab, hatte er echte Begeisterung in seiner Partei ausgelöst. Doch um den digitalen Kapitalismus kann er sich jetzt nicht mehr kümmern: Er muss all seine Kraft darauf verwenden, die bockige Partei in Richtung der ungeliebten großen Koalition zu ziehen.    

Ohne die Frauen wäre er nichts

Ohne die starken Frauen an seiner Seite hätte er da wohl keine Chance. Viele Genossen sind überzeugt: Es war SPD-Fraktionschefin Andrea Nahles, die mit ihrer kämpferischen Rede auf dem Parteitag den Ausschlag für das positive Votum gab. Angewiesen ist Schulz aber auch auf die Unterstützung der Ministerpräsidentinnen aus Rheinland-Pfalz und Mecklenburg-Vorpommern, Malu Dreyer und Manuela Schwesig, die in der SPD sehr beliebt sind.

Schwesig und Dreyer waren zwar ebenfalls große Befürworterinnen des Oppositionskurses, ihnen wird von den Genossen aber verziehen, dass sie nun für ein Regierungsbündnis werben. Schulz hingegen ist im ständigen Rechtfertigungsmodus. Kaum ist ein Problem überstanden, steht er schon vor dem nächsten.

In den nun anstehenden Koalitionsverhandlungen braucht die SPD weitere inhaltliche Erfolge, das hat sie den Delegierten auf dem SPD-Parteitag versprochen. Es werden harte Tage, auch weil die 400.000 SPD-Mitglieder am Ende das letzte Wort über den Koalitionsvertrag haben.

Selbst wenn es klappt, der nächste Streit wartet schon: Der Parteivorsitzende solle schnell klar machen, dass er nicht Minister unter Angela Merkel werde, sagt Wolfgang Tiefensee. Der Ex-Verkehrsminister ist war kein Promi mehr in der SPD, spricht aber aus, was viele auch in der Parteiführung denken: "Eine 180-Grad-Wende in dieser Frage würde die Glaubwürdigkeit von Martin Schulz erschüttern."